Aufsatz 
Die Geschichtswissenschaft / vom Gymnasiallehrer Christian Clasen
Entstehung
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phischen Wissenschaften loszulösen, wie es im Laufe der Entwicklung der Philo- sophie häufig vorgekommen ist. Vielfach ist die Aufgabe der Geschichts- philosophie noch weiter gefasst worden; nach einigen gehört die Methodenlehre dazu (Harms ¹), anderen gilt einezusammenfassende Betrachtung der Weltgeschichte als die wahre Aufgabe einer Philosophie der Geschichte,(Wundt) oder ein ideeller Auszug derselben(Biedermann). Seit Herder hat man die Fragen nach den Factoren und dem Ziel des geschichtlichen Geschehens zu den Problemen dieser philosophischen Disciplin gemacht(Lotze, Bernheim), während, wie wir gesehen haben, die erstere von einer genetischen Geschichtswissenschaft gar nicht zu trennen ist. Damit ist auch Döllingers Defnition der Geschichtsphilosophie als der Ideenlehre hinfällig. Nach Fischer ²) soll sie das von der Geschichte Erforschte mit Hilfe anderer Wissenschaften in inneren Zusammenhang setzen und begründen und auf Grund dieser vergleichenden Wertbeurteilung die Ergebnisse angemessen zur Darstellung bringen; damit wäre sie die eigentliche Geschichtswissenschaft, was übrig bliebe, wäre eine Erzählung von nackten Begebenheiten. Endlich sind andere Disciplinen zum Range der Geschichts- philosophie erhoben, die Völkerpsychologie(Lazarus), die Ethnologie(Bastian) und die Kulturgeschichte(Honegger.) Die Philosophie steht zu den Geisteswissenschaften in den engsten Beziehungen; die Erkenntnistheorie und Logik, welche sich mit den in jeder Wissenschaft angewandten allgemeinsten Erkenntnisprincipien und formen be- schäftigen, stehen allen Einzelwissenschaften als allgemeine gegenüber, jene erörtert die Frage, in welchem Sinne überhaupt Erkenntnis möglich ist, diese hehandelt die Methode wissenschaftlicher Forschung. Die Psychologie bildet als die Wissenschaft, von dem gesetzmässigen Zusammenhang des psychischen Geschehens die Grundlage jeder historischen Disciplin. Die Ethik als die Wissenschaft von den Principien des sittlichen Handelns und von den Formen und Institutionen, in denen die ethischen Ideen Leben erhalten, stehen im innigsten Verhältnis zur Geschichtswissenschaft, ja. die Geschichte ist selbst als eine ethische Disciplin aufgefasst worden. Boeckh findet in beiden Wissen- schaften dasselbe Object, die Sittlichkeit, und unterscheidet sie nur in der Methode, in der Ethik herrsche die aprioristisch-deducirende, in der Geschichte die historisch- philologische Methode- Die Geschichte ist definirt als dieSelbsterziehung der Mensch- heit zu stetig wachsender Sittlichkeit, und von dieser Auffassung aus drang die ethische Norm in die Geschichtswissenschaft, die Geschichte wurde in dieser einseitigen Beur- teilungsweise angewandte Ethik. Die beiden bedeutendsten ethischen Geschichtschreiber sind Polybios und Schlosser, von welchen jener von der stoischen. dieser von der kantischen Ethik ausging und nach ethischen Principien die geschichtlichen Vor- gänge beurteilte. Auf die Mängel dieser Geschichtsbehandlung ist oft genug aufmerk- sam gemacht worden. Doch kehren wir zu dem eigentlichen Problem der sogenannten Geschichtsphilosophie, welches das Wesen der geschichtlichen Bewegung betrifft, zurück, so können wir die Frage formuliren: inwiefern kann das geschichtliche Werden als eine Entwicklung, als eine Vervollkommung aufgefasst werden? Dei Begriff der Ent- wicklung ist das Problem der Philosophie der Geschichte um diesen Namen hier beizu- pehalten dabei darf der Begriff der Geschichte selbst nicht irgend welchen Be- schränkungen unterliegen; wir dürfen den geschichtlichen Process nicht in die ethische oder gar staatliche Entwicklung aufgehen lassen, wie es in der idealistischen Philo- sophie geschehen ist, So wenig wir sie auf die religiöse Entwicklung der menschlichen Gesellschaft beschränken dürfen, wie es Bunsen gethan hat, noch auf die kulturelle oder intellectuelle. Das geschichtliche Werden ist ein allseitiges und umfasst alle diese ¹) f. Bernheim a. a. 0. p. 484. J. B. Meyer a. a. O. p. 482.

2) K. Fischer. IsSt eine Philosophie der Geschichte wissenschaftlich erforderlich bezw. möglich? Dillonburg 1889.