Aufsatz 
Die Geschichtswissenschaft / vom Gymnasiallehrer Christian Clasen
Entstehung
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Gebiet der Religion, Kunst und Literatur sowie im geselligen Leben; diejenige des 17. und 18. Jahrhunderts als den Sieg des Staatsgedunkens über die religiöse Idee und das Aufsteigen der königlichen Macht zur Unumschränktheit und die Vorliebe für feste Ordnung. Ranke findet die Idee unseres Jahrhunderts in dem Gegensatz der Mo- narchie und der Volkssouveränität, der Entfaltung der materiellen Kräfte und Ent- wicklung der Naturwissenschaft. Lorenz hobt in seinem anregenden Buch hervor, dass wenn wir die Geschichte eines Volkes verstehen wollen, wir uns über die Ideen Rechenschaft geben müssen, welche die Nation in verschiedenen Zeiten erfüllen, dass ein Verständnis der Begebenheiten nur auf der Grundlage der Ideenforschung möglich ist. Im Anschluss an diese Frage sucht Lorenz objective, im Wesen der Sache selbst liegende Perioden der Geschichtsentwicklung nachzuweisen, in welchen die ge- schichtlichen ldeen zum Ausdruck kommen, indem er die gewöhnliche Periodisirung als eine rein äusserliche, wissenschaftlich unberechtigte verwirft. Nach dieser Lorenz'schen Generationstheorie stehen allemal 3 Generationen, die sich zeitlich mit dem Jahrhundert ¹) decken, in einem Zusammenhang unmittelbarer Einwirkung auf ein- ander und bilden eine historische Einheit. Gewisse Ideen haben genau 3 Generationen gebraucht, um zur Anerkennung zu gelangen, und wurden in anderen Fällen genau 100 Jahre verdunkelt, um nachher wieder hervorzutreten. Dies führt er an höchst. interessanten Beispielen aus und liefert so einen natürlichen Periodenbau der Geschichte. Die Genealogie, als eine Lehre von den physischen und geistigen Qualitäten, ist nach Lorenz die eigen' liche Zukunftslehre der geschichtlichen Wissenschaften und die Basis aller Historiograph ie.

Es fragt sich endlich noch, ob auch der Zufall in der geschichtlichen Welt eine Rolle spielt. Die Frage ob es einen Zufall gibt oder nicht, ist eine philosophische, doch muss der Historiker sich über die philosophischen Grundlagen seiner Disciplin Rechenschaft geben und Klarheit gewinnen. ²) Während dec eine den Zufall leugnet und demselben nur eine subjective Berechtigung zuschreibt, räumt der andere ihm eine objective Realität ein, wie der kürzlich verstorbene G. Rümelin:) Den sub- jectiven Zufall, der alles Unvermutete, Unbeabsichtigte, alles was sich unserem Handeln und Denken fremdartig in den Weg stellt, umfasst, scheidet er streng von dem ob- jectiven, der menschlichen Erkenntuis und Wissenschaft völlig unzugänglichen Zufall, der in dem räumlichen und zeitlichen Aufeinanderstossen(ν 39SSS72« accidens) unter sich beziehungsloser Causalreihen besteht, worin eine Unterbrechung der sonstigen causalen Verkettung des Weltlaufs liegt. Die philosophischen und theologischen Be- denken sucht er zurückzuweisen; die polytheistichen Religionen mit ihrer durch- götterten Natur, der Fatalismus des Islam, der Pantheismus, der Gott und Welt identi- ficire haben für den Zufall keinen Raum; erst der Christenglaube, der den Geschöpfen einen gewissen Spielraum zugestehe, habe dem Zufall das zuvor verschlossene Thor wieder geöffnet. Im Menschenleben wie in der Geschichte räumt Rümelin dem Zufall ein weites Gebiet der Einwirkung ein, und da es ihm schwer werden möchte die Grenzen dieser Einwirkung überall zu ziehen, so gelangen wir consequenter Weise zu

¹)Das Jahrhundert ist keine chronologische Zufälligkeit, sondern vielmehr der mathematisch genaue Ausdruck für das reale Verhältnis, in welchem der Mensch zu Vätern und Söhnen, in welchem jedesmal 3 Generationen in ihrem Wissen, Können und Handeln zu einander stehen. Als nächsthöhere Masseinheiten betrachtet er die Perioden von 300 u. 600 Jahren oder 3 3 und 3 6 Generationen. Lorenz a. a. O. p. 283 ff.

2) P. Hinneberg. Die philos. Grundlagen der Geschichtswissenschaft. Halle 1888.

³) Reden und Aufsätze und D. R. 1890. Heft 6: über den Zufall. Dagegen bokämpft die Realität des Zufalls: F. Kirchner. Ueber den Zufall. Halle 1888.