Aufsatz 
Die Geschichtswissenschaft / vom Gymnasiallehrer Christian Clasen
Entstehung
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dem Mangel an Naturwissenschaft, und so kommt er consequenter Weise zu dem Er- gebnis, dass die Naturwissenschaft das absolute Organ der Kultur und die Geschichte der Naturwissenschaft die eigentliche Geschichte der Menschheit sei.

Während dieser geistige Ostrakismus, welcher eine Folge naturwissenschaftlicher Geschichtsauffassung ist, die Individuen in die Masse aufgehen lässt und letztere allein aſs den Träger des geschichtlichen Processes ansieht, gibt es auf der entgegengesetzten Seite den Heroencultus, als dessen Vertreter wir Carlyle, den Landsmann und Antipoden Buckles, den berühmten Verfasser der Geschichte Friedrich des Grossen nennen können. Während Buckle die Theorie, dass Luther die Reformation hervorgebracht, dass Bacon die scholastische Philosophie beseitigt habe, als absurd zurückweist, t) behauptet Carlyle, dass Universalgeschichte im Grunde die Geschichte der grossen Männer ist, die hier gewirkt haben. Auf dem extremsten Standpunkt der Heldenverehrung, den der geistreiche Däne Georg Brandes ²) als aristokratischen Radicalismus bezeichnet, steht Friedrich Nietzshe. 2) Ihm sind die leitenden Geister der Zweck der Geschichte. Die Massen sind entweder schlechte Copien grosser Persönlichkeiten oder Widerstand gegen dieselben oder Werkzeuge derselben. Die Geschichtswissenschaft nimmt einen mittleren Standpunkt ein. Wenn auch alle Individuen, auch die kleinsten, bewusst oder unbewusst, mit oder gegen ihren Willen, mitwirken an dem geschichtlichen Geisteswerk, so verlieren sich dort ihre Thätigkeiten in dem grossen Strom der Entwicklung; sie können nicht Objecte der Geschichtswissenschaft sein, sondern nur diejenigen Individuen, welche energisch und selbstbewusst die Willensrichtung ihrer Zeit und ihres Volkes in sich concentriren, die Mächtigen der Erde und die führenden Geister, Männer der That und Männer des Geistes, welche durch ihre bahnbrechenden Leistungen Wohlthäter der Menschheit werden und den Charakter ihrer Individualität ihrem Volk und Zeitalter aufdrücken.

Doch ist auch das Genie ein Kind seiner Zeit und steht auf den Schultern von Vorgängern wenn es auch nicht als blosses Erzeugnis seines Volkes und seines Zeitalters verstanden werden kann, sondern im letzten Grunde immer ein Rätsel, ein individuum ineffabile, ¹) bleibt es finden Wechselbeziehungen zwischen der Gesell- schaft und den historischen Persönlichkeiten statt im geschichtlichen Leben, sociale Zustände und geistige Mächte treten neben und in den grossen Individuen gestaltend und bestimmend auf. Diese geistigen Mächte sind die geschichtlichen Ideen, An- schanungen und Bestrebungen, die zur allgemeinen Geltung gelangen und das Zeit- alter beherrschen. So hat z. B. der der Wissenschaft zu früh entrissene, ausgezeich- nete Kenner Frankreichs F. Lotheissen die herrschende Idee des 16. Jahrhunderts formulirt als das Streben nach unabhängiger Gestaltung und freier Arbeit auf dem

¹) Und doch kann sich auch Buckle zum begeisternden Loblieb auf grosse Männer aufschwingen, wenn er von den wissenschaftlichen Entdeckungen spricht; vgl. I. p. 193.

2) Verf. des epochemachenden Werkes: Die Hauptströmungen der Literatur des 19 Jahrh.

³) Unzeitgemässe Betrachtungen IV. Auch der grosse Ranke betont zu einseitig das Werk der Führer, ein Kritiker sagt treffend von ihm: wenn man seine Darstellung liest, bekommt man den Ein- druck, als ob es die Diplomaten sind, welche die Weltgeschichte machen. Doch ist es hier mehr ein subjectives Interesse als ein wissenschaftlicher Standpunkt, wie aus der Vorrede zur Weltgeschichte hervorgeht.

) Wenn Lorenz a. a. O. p. 195 sagt:Es wird die Zeit kommen, wo man einen Robespierre oder Napoleon ganz ebenso genau zu erklären wissen wird, wie der Physiker seinen Zuhörern die Edisonsche Lampe explicirt, so muss ich dem entschieden widersprechen; in der geistigen Persönlich- keit wird ausser den Einflüssen durch Erziehung, Natur, Zeitgeist u. s. w. stets etwas Neues, Unerklär- bares, Individuelles übrig bleiben.