Aufsatz 
Die Geschichtswissenschaft / vom Gymnasiallehrer Christian Clasen
Entstehung
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sind die Folge einer doppelten Wirksamkeit, einerseits der Einwirkung äusserer Er- scheinungen wie Boden, Nahrung, Klima auf unseren Geist, andrerseits derjenigen unseres Geistes auf die äusseren Erscheinungen; von diesen beiden Causalverhältnissen sei das erstere in der aussereuropäischen Kultur von grösster Bedeutung gewesen, während in Europa die geistigen Mächte die erste Rolle gespielt hätten. Die aussereuropäischen Kulturzustände, welche durch gewaltige Naturerscheinungen angeregt Aberglauben her- vorrufen, werden hauptsächlich durch die Phantasie, die europäischen durch den Ver- stand bestimmt(Indien-Griechenland). Um also die Gesetze der europäischen Geschichte zu begreifen, seien die Gesetze des menschlichen Geistes, welcher hier der Hauptfactor ist, zu erforschen. Die Entwicklung der Civilisation beruhe vor allem auf dem Intellect, während die moralischen Wahrheiten im Laufe der Jahrhunderte gar keine oder doch nur geringe Veränderung erfahren hätten. Diese These Buckles widerlegt schon die Geschichte der Ethik; die Trennung von intellectueller und moralischer Kraft war ein schwerer Irrtum; die Bedeutung des ethischen Elements hat er in einseitiger Ueber- schätzung des Intellects völlig übersehen. Buckle gelangte im Laufe der Untersuchung zu vier intellectuellen Gesetzen, welche für die Grundlage einer Geschichte der Civili- sation gelten sollen; Droysen¹) hat gezeigt, das sie an der Oberfläche bleiben und in der vagen Form durchaus nicht im Stande sind die geschichtlichen Erscheinungen zu erklären. Buckle ist einer der scharfsinnigsten und originellsten Denker aller Zeiten, er besitzt eine erstaunliche Gelehrsamkeit und umfassende Belesenheit, und bedeutend jst Sein Einfluss auf die Geschientsauffassung der Folgezeit gewesen; aber andrerseits ist nicht'zu vergessen, dass er aus der geschichtlichen Welt Gebiete wie Religion, Staat und Literatur als wertlos ausschied, dass er die individuellen Erscheinungen als Störungen des regelmässigen Verlaufs und den freien Willen als irrelevant in der Masse betrach- tete, dass er die Psychologie als wissenschaftlich unbrauchbare Basis der Geschichts- wissenschaft verwarf, dass er alle geschichtlichen Ereignisse allein durch das Causal- verhältnis zwischen Natur und Geist erklären wollte, ohne sich die Frage vorzulegen, ob nicht auch noch andere Factoren eine Rolle spielten. Buckle ist nicht Materialist ²) dieser Weltanschauung huldigt F. v. Hellwald, der in seinerCulturgeschichte in ihrer natürlichen Entwicklung bis zur Gegenwart au die Darwinsche Lehre anknüptend den Kampf ams Dasein zum leitenden Princip in der Völkergeschichte macht, 3) aber dasselbe ist sowenig im Stande die geistige Eutwicklung der Menschheit zu erklären, wie wir aus durch Bewegungsvorgänge oder mathematische Formeln das Wesen einer Vor- stellung oder eines Schmerzes klar machen können. Während Buckle in der Eantwicklungsgeschichte der Menschheit diejenige des Intellekts sah, betont unser grosser Naturforscher Du Bois-Reymond nur noch einen Teil des intellectuellen Fortschritts, nämlich die naturwissenschaftliche Kenntnis. ¹) Unter Naturwissenschaft versteht er nicht nur die Summe der Kenntnisse von der toten und lebenden Natur, ihren Erzeugnissen, Wirkungen und Gesetzen, sondern auch die planmässige Bewältigung und Ausnutzung der Natur durch den Menshen zur Ver- mehrung seiner Macht, seines Wohlbefindens und seiner Genüsse. Naturwissenschaft in diesem Sinne hat es bei den Griechen und Römern nicht gegeben, und darin liegt nach Du Bois der Grund, dass die alte Kultur zu Grunde ging. Wie Liebig den Untergang des römischen Reiches aus dem Fehlen an den für Weizen unentbehrlichen Mineralstoffen, besonders an Phosphorsäure und Kali erklären wollte, so Du Bois aus

¹) Buckle a. a. 0. II p. 1. Droysen Historik. p. 61. 68.

2) Buckle glaubte fest an ein Jenseits.Mir bleibt ein Trost, schreibt er wenige Tage nach dem Tode seiner heissgeliebten Mutter,die tiefe und unwandelbare Ueberzeugung, dass wir nie sterben.

3) Auf's schärfste bekämpft den Materialismus Hellwalds Zitelmann: Preuss. Jahrb. Bd. 37. 38.

4) Culturgeschichte und Naturwissenschaft Lpg. 1878 vgl. dazu Lorenz a. a. O. p. 143 ff.