Aufsatz 
Die Geschichtswissenschaft / vom Gymnasiallehrer Christian Clasen
Entstehung
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Schon Condorcet stellt die Frage auf, welche für die naturwissenschaftliche Geschichtsbetrachtung massgebend ist:Weshalb sollte das Princip der Natur- wissenschaften, dass die allgemeinen Gesetze, welche die Erscheinungen des Weltalls bedingen, notwendig und constant sind, weniger gültig sein für die Entwicklung der intellectuellen und moralischen Fähigkeiten des Menschen als für die anderen Be- thätigungen der Natur? Die Geschichte wurde zu einer Naturgeschichte der Mensch- heit; anderen Factoren als den natürlichen wurde kein Einfluss eingeräumt, das Indi- viduum verschwindet und nur die Gattung hat Bedeutung. Allein so musste eine ein- seitige Geschichtsauffassung entstehen und eine dürftige z. T. oberflächliche causale Interpretation der geschichtlichen Pnänomene durch die Uebertragung naturwissenschaft- licher Methode auf das Gebiet der Geistesschöpfungen. Letztere sind nicht vorausbe- stimmbar, berechenbar, notwendig wie die der Natur, sodass Gesetze im natur- wissenschaftlichen Sinne hier rein unmöglich sind.

Der hervorragendste Vertreter dieser Richtung ist Henry Thomas Buckle, derenglische Comte, der auch in Deutschland von grösstem Einfluss gewesen ist, während sein Vorgänger Comte in unserem Vaterland wenig studirt worden ist.Um die Gesetze zu entdecken, sagt Buckle,welche für die Eutwicklung eines Volkes ebenso fixirt seien, wie die der physischen Welt, gedenke ich eine Uebersicht der moralischen, geistigen und legislativen Eigenartigkeiten der grossen Staaten Europas zu geben und ich hoffe im Stande zu sein, die Umstände darzulegen, unter denen diese Eigenheiten entstanden sind Doch bald sah er ein, dass diese Arbeit beiweitem die Kräfte eines Mannes übersteigt, und beschränkte sich auf die Darstellung einer Geschichte der Civilisation Englands. Bekanntlich rief aber der Tod Buckle im 40ten Lebensjahre aus einem arbeitsamen Leben weg, sodass auch dieses Werk ein Torso blieb. Buckle's Geschichte der Civilisation Englands erschien im Jahre 1857 und erregte ungeheures Aufsehen, teils wurde sie als das Organon einer neuen Geschichts- wissenschaft gepriesen, teils verurteilt und verdammt; später dann, besonders von deut- schen Forschern, einer nüchternen Kritik unterworfen. ¹)

Zunächst wendet Buckle sich in scharfer Kritik gegen dieZunft der Histo- riker, die es lediglich als ihr Geschäft betrachte, Begebenheiten, dio von den Meta- physikern dem Zufall und dem freien Willen, von den Theologen einer übernatürlichen Einwirkung zugeschrieben würden, zu erzählen und diese allenfalls mit passenden sittlichen und politischen Betrachtungen zu beleben. Nach diesem Plan sei jeder Schriftsteller zum Geschichtschreiber befähigt, sei er auch aus Denkfaulheit oder natür- licher Beschränktheit unfähig die höchsten Zweige des Wissens zu behandeln. Buckle will nicht die Notwendigkeit der Detailforschung, der Herbeischaffung und Sichtung des Materials leugnen, aber zur Wissenschaft werde die Geschichte erst durch Zu- sammenfassung, Verallgemeinerung und Vergleichung, deren Resultate alsdann die das Leben der Menschheit beherrschenden Gesetze seien. Die Gesetzmässigkeit der mensch- lichen Handlungen ergebe sich aus der Statistik, die das wichtigste Hilfsmittel der geschichtlichen Forschung sei. Die Vorherbestimmung durch Gott sowie die Willens- freiheit seien zu verwerfen, jene, weil sie jenseits der Grenzen des Wissens liege, diese, weil das Selbstbewusstsein kein unabhängiges Vermögen sei. Um die Nichtigkeit der Willensfreiheit zu illustriren, gebraucht Buckle das Bild eines Schiffes, das sich stets in derselben Richtung bewegt; die einzelnen Passagiere mögen auf- und abgehen, sitzen oder stehen, sie fahren dabei dennoch immer weiter. Alle geschichtlichen Begebenheiten

1) Droysen. a. a. O. p. 47. ff. Iürgen Bona Meyer: Neue Versuche einer Philosophie der Gesch. Hist. Zeitschr. Bd. 25. 1871 p. 316 f. p. 365 ff. Jodl a. a. O., p. 51 ff. Rocholl a. a. O., p. 245 ff.