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gezeichnet.— Wohl vermögen die Socialphysiologie und Völkerpsychologie dem Histo- riker wichtige Aufschlüsse über materielle und geistige Zustände der Gesellschaft zu geben, aber nie vermögen sie uns das geschichtliche Leben der Menschheit zu erklären; die Resultate der Statistik sind keine geschichtlichen Thatsachen, sondern nur Durch- schnittszahlen, die wegen[der Unkenntnis der Motive und der wirkenden Factoren keine causale Interpretation enthalten und in ihrer vagen Allgemeinheit keine historischen Gesetze sind und es nie werden können.¹) Die Menschheit wird mit einem Organismus verglichen, in welchem die Individuen die Functionen der Zellen übernehmen; allein dieser Vergleich ist nicht zutreffend, die Individuen haben freien Willen und Selbst- bewusstsein, während die Zellen in blinder Naturnotwendigkeit die Functionen ausüben, welche ihnen der Organismus erteilt So wenig wir die psychischen Thatsachen als rein mechanische Bewegungsvorgänge der Nerven und Ganglienzellen erklären können, wenn sie denselben auch parallel laufen, so wenig können wir den menschlichen Willen²) Zahlenverhältnissen und die individuelle Persönlichkeit Naturgesetzen sub- sumiren. Bezeichnend ist der Standpunkt, von dem aus diese Geschichtsauffassung die geschichtlichen Vorgänge betrachtet; der Engländer Huxley denkt sich als Be- wohner eines anderen Planeten, der sich der Erde soweit nähert. dass er die Gesell- schaft der Menschen ebenso unbefangen und objectiv betrachten kann wie die anderen Erscheinungen auf der Erdoberfläche. Du Bois-Reymond will aus archimedischer Perspective das Treiben hienieden beschauen, doch ohne zu bedenken, wie Harttung mit treffender Ironie sagt, dass von einem solchen Standpunkt aus ein Bismarck gleich einem Herrn Meyer erscheint oder richtiger beide gar nicht, sondern nur noch ein Klecks auf dem Planetenballe, genannt Berlin. Dass aber der Standpunkt eines Histo- rikers nicht ausserhalb, sondern auf der Erde und zwar recht lebendig mitten im Treiben hienieden sein muss, liegt auf der Hand.
Während Hegel jeden Einfluss der äusseren Naturbedingungen auf den geschicht- lichen Verlauf leugnete und einst ausrief:„Rede man nichts vom griechischen Himmel, denn jetz wohnen da Türken, wo ehemals Griechen wohnten“, suchte man auf der anderen Seite hier den einzigen Factor, der alles erklären sollte, ohne anf die An- lagen der Rasse und des Volkes und die gegenseitige Einwirkung der Menschen Rück- sicht zu nehmen. Peschel, der einen mittleren Itandpunkt einnimmt, sagt mit Recht: „So verherrlicht sich das Genie der Völker, wenn es physikalische Hemmnisse über- wältigt, und so verkündigt sich der Mangel an Begabung, wenn geographische Vorzüge völlig ungenützt bleiben. Die physikalischen Eigenschaften der Länder bieten ver- schiedene mögliche Entwicklungen dar; dass sich aber davon das eine oder andere wirklich erfüllt, gehört zu den historischen Verdiensten der Nation. Der Gang der Geschichte bleibt nur in allgemeinen Zügen an die physikalischen Gesetze der Erden- räume geknüpft“. Diese allgemeinen Züge darzulegen ist Aufgabe der Anthropogeo- graphie, wie Ratzel es in seinem Handbuch versucht hat- ³)
¹) vgl. besonders Quade die Gesch in ihrem Verhältnis zur Statistik und Philos. p. 11 Droysen Historik. Beilage I, p. 47 ff
2) Ohne hier auf das Problem von der Freiheit des Willens näher einzugehen, will ich nur kurz bemerken, dass unter Willensfreiheit nicht die Unabhängigkeit von bedingenden Ursachen zu verstehen ist, sondern der psychologisch determinirte Wille, der die sittliche Verantwortlichkeit vollkommen wahrt. Am entschiedensten hat die Prädestinationslehre der jüdischen Essäer die Willensfreiheit geleugnet, ihnen folgte Augustin; Thomas v. Aquino nahm wie die Pharisäer Synergismus an und machte dadurch den menschl. Willen wieder zu einer sittlichen Macht: die Nominalisten erklärten den Wille für absolut frei. In der Neuzeit herrsch. auch noch Determinismus u. Indeterminismus in verschiedenen Abstufungen.
3) Anthropogeographie oder Grundzüge der Anwendung der Erdkunde auf die Geschichte. Stuttgart 1882. Von Monographien auf diesem Gebiet ist mir bekannt: Dondorf: das hellen. Land als Schauplatz der althellen. Geschichte. 1889.


