Aufsatz 
Die Geschichtswissenschaft / vom Gymnasiallehrer Christian Clasen
Entstehung
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Mängeln, welche die Uebertragung einer fremden Anschauungsweise und Methode mit sich bringt, behaftet.

Zunächst wurde die Frage: wer ist der Vollbringer des geschichtlichen Processes, verschieden beantwortet je nach dem Gesichtspunkt, von welchem aus man die Ge- schichte betrachtete. Naturforscher wurden durch die ungeheuren Erfolge, welche ihre Wissenschaft errang, verleitet, auch in der Geschichte einen Naturprocess zu sehen, sie wollten dieselben eisernen Gesetze hier wie dort wiederfinden und sahen daher nur in der Masse den Träger der geschichtlichen Entwicklung; einseitig beschränkten sie sich auf das Gebiet der Kultur und machten die geistige Causalitat zu einer Unterform der mechanischen. D)er Individualität wurde, wie in der Natur, jede Bedeutung ge- nommen, die Willensfreiheit geleugnet oder als irrelevant nicht mit in Rechnung ge- bracht, andrerseits die Einflüsse der Gesellschaft und der äusseren Natur auf das ge- schichtliche Leben dargelegt, und das ist der wichtigste Dienst, den diese Richtung der Wissenschaft geleistet hat. Man hat nicht mit Unrecht dieselbe die socialistisch- naturwissenschaftliche genannt, da sie die naturwissenschaftliche Methode auf die Er- forschung der geschichtlichen Phänomene übertrug, die geschichtliche Entwicklung nur in der Gattung verlaufen liess und der Einwirkung der äusseren Natur den mass- gebenden Einfluss zuschrieb. Daher wandte sie sich dem Studium der Gesamtheit und der Natureinflüsse zu und schuf so die Social-Physiologie, welche die verwickeiten und wechselvollen Erscheinungen, die sich in der menschlichen Gesellschaft vollziehen, erklären soll, die Social-Psychologie(Völkerpsychologie, von Steinthal und Lazarus begründet), welche den Mechanismus des Volksgeistes untersuchen und die Völkerge- danken in ihrer Entstehung und Entwicklung verfolgen soll, und endlich die Anthropo- geographie, welche die Bedeutung der Naturbedingungen in der geschichtlichen Welt darzulegen hat. Diese drei neuen Disciplinen sind wichtige Hilfswissenschaften der Geschichte geworden, um den ursächlichen Zusammenhang der historischen Entwick- lung zu erklären, reichen aber in der einseitigen Anwendung, die sie hier gefunden haben, nicht hin, um dieselbe in ihrem vollem Umfange zu begreifen.

Die Socialphysiologie sucht vermittelst der Statistik zu allgemeinen socialen Ge- setzen zu gelangen. Nach den Anfängen bei Giambattista Vico, der in mysticher Weise die Völkergeschichte als eine Nachbildung der kosmischen Geschichte betrachtete, und dem Theologen Süssmilch, welcher wunderbartypische Regelmässigkeiten in der göttlichen Ordnung des Menschengeschlechts fand, ist der eigentliche Begründer dieser Wissenschaft Adolf Quetelet, welcher zuerst systematisch die Methode der Mathematik und Naturwissenschaft auf die socialen Verhältnisse anwendet. Nicht nur in den physischen Erscheinungen der Gesellschaft, wie der sexualen Zusammen- setzung, dem Altersaufbau, Civilstande ¹), Geburten, Sterbefällen, körperlichen Verhält- nissen, sondern auch auf dem Gebiet der intellectuellen und moralischen Beschaffenheit will sie eherne Naturgesetze erkennen; auf dem Gebiet der Psychiatrie wie auf dem- jenigen des Verbrechens und der Selbstmorde herrsche unerbittliche Nothwendigkeit, es gibt ein Bulget, welches mit erschütternder Regelmässigkeit gezahlt wird, das ist das Budget des Gefängnisses, der Galeere und des Schaffots. Man hat diese Gesetz- mässigkeit graphisch in Curven und Karten dargestellt und z. B. eine Selbstmordkarte

¹) Ein Statistiker hat dies unter folgendem die ganze Anschauung charakterisirenden Bilde ver- anschaulicht:es ist gerade als wenn die Massen der Menschen über ein Sieb mit verschiedenen Ab- teilungen, welche die verschiedenen Civilstandskategorien darstellen, dahin geschüttet würden. Durch eine der Oeffnungen des Siebes muss jeder einmal fallen. Fraglich ist nur, wie lange er, ohne zu fallen, über diese Oeffnungen weggleitet und in welcher Abteilung ihn sein Schicksal ereilt. Zu diesem fatalisme des lois générales habe ich nichts hinzuzugfügen.