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nach dessen Tode von Waitz, auf die neuere Geschichte, aber eindringender und um- fassender als Niebuhr, Ranke, der von Niebuhr selbst als der erste der Historiker anerkannt und von Döllinger als„praeceptor Germaniae“ gepriesen wurde. Das Jahr 1824, in welchem der erste Band von Leopold Rankes: Geschichte der romanischen und germanischen Völker(nebst der Beilage: Zur Kritik neuerer Ge- schichtschreiber) erschien und der Plan zu den Monumenta Germaniae veröffentlicht wurde, gilt als das Geburtsjahr der neueren kritischen Geschichte Ranke, ¹) der Begründer archivalischer Forschungen auf dem Gebiet mittlerer und neuerer Geschichte, bedeutet den Höhepunkt der modernen Geschichtswissenschaft; sein Grundsatz: nur die kritisch erforschte Geschichte als Geschichte gelten zu lassen ist Gemeingut aller Geschichtschreiber geworden; mit der meisterhaften Handhabung der Kritik verbindet er eine Kunst der Darstellung, wie man sie auf dem Gebiete der Geschichte bisher nicht gekannt.„Die Kunst der Charakteristik, die Entwirrung der scheinb ar ver- worrensten diplomatischen Manipulationen, der sichere historische Blick, der überall wie spielend die entscheidenden Momente erkennt, das treffende Urteil über Personen und Thatsachen, die souveräne Beherrschung des Stoffes und des weit ausgedehnten Schauplatzes der von ihm erzählten Begebenheiten— sie reissen immer wieder zur Bewunderung hin“. Ein Kranz glänzender Namen reiht sich an Leopold von Ranke an, von denen ich nur Waitz, Giesebrecht, Sybel, Droysen und Treitschke nenne, durch deren Leistungen die deutsche wissenschaftliche Geschichte rasch über das Mass der mitstrebenden Nachbarvölker hinauswuchs.
III.
Hat die Geschichte als genetische Wissenschatt das geistige Leben der Mensch- heit in seiner Entwicklung zu begreifen, so ist es ihre höchste und auch schwierigste Aufgabe zu erforschen, wie und unter welchen Bedingungen diese Entwicklung zu Stande kommt, welches die treibenden Kräfte und mitwirkenden Factoren in derselben sind. Wie eine wissenschaftliche Botanik sich nicht mehr auf eine auf äusseren Merkmalen beruhende Systematik beschränken kann, sondern zu einer Physiologie der Pflanzen geworden ist, welche das innere Leben und Werden, die Fortpflanzung und Entwicklung derselben zu ihrer Erkenntnisaufgabe macht, so kann auch die Geschichtswissenschaft sich nicht damit begnügen die geschichtlichen Thatsachen zu eruiren und darzustellen, sondern die causale Interpretation die Auffassung und Erklärung der geschicht- lichen Phänomene als Glieder eines zusammenhängenden Entwicklungsprocesses unter äusseren und inneren Einflüssen ist Aufgabe einer wissenschaftlichen Geschichte. In der früheren Beschränkung auf die Erforschung und Darstellung des Thatsächlichen ist der Grund zu suchen für die Erscheinung, dass man von anderer, besonders natur- wissenschaftlicher Seite aus diese Probleme in Angriff nahm, um die Geschichte zum „Range einer Wissenschaft zu erheben“; jedoch sind alle diese Versuche mit den
¹) cf. Bernheim a a. O. p. 144 f. Wegele p. 1041 ff. Acton a. a. O. p. 10 ff. Während der Niederschrift dieser Zeilen kommt mir eine Broschüre in die Hände von Ernst Michael: Rankes Weltgeschichte, die eine scharfe Polemik gegen den Meister enthält, aber nicht als eine wissenschaftl.- objektive Kritik, sondern als Tendenzzwecken dienend, so dass wir sie hier unberücksichtigt lassen können.— Fehler im Detail vermag vielleicht bereits der eine oder andere Doctorandus dem hervor- ragenden Forscher nachzuweisen, oder man betrachtet ihn durch die Brille der eigenen Parteiansicht und Weltanschauung, und lässt er sich in das Prokrustesbett nicht hineinzwängen,(was natürlich, da er weit über den engen Gesichtskreis der kleinen Geister hinausragt), so ist man bald mit einem ver- vernichtenden Urteil über die gesamte bahnbrechende Geistesarbeit des grossen Denkers fertig.


