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Der kritische Geist, der im Altertum die ersten Flügelschläge macht, ermattet und stirbt im Mittelalter ganz; die Annalisten, Chronisten und Biographen dieser Zeit schrieben fast ausschliesslich ihre Vorlagen ohne Namensnennung mechanisch aus. Den mittelalterlichen Standpunkt der Ges hichtswissenschaft charakterisirt Sybel ¹) trefflich: „Jene Zeit hatte keine Vorstellung von geschichtlichem Urteil, keinen Sinn für ge- schichtliche Realität, keine Spur von kritischer Reflexion.... Ueberall war man geneigter zu glauben als zu prüfen, überall hatte die Phautasie das Uebergewicht über den Verstand. Man unterschied nicht zwischen idealer und thatsächlicher, zwischen poetischer und geschichtlicher Wahrheit. Die Heldengedichte galten für hohe und wahre Geschichte, und die Geschichte versetzte sich überall mit epischer, novellistischer, oder legendarischer Poesie.“
Erst die Wiedergeburt des Altertums in Kunst, Wissenschaft und Leben im Zeit- alter der Renaissance ²) hat eine wissenschaftliche Geschichtsforschung ermöglicht und den menschlichen Geist an ein objectiv-geschichtliches Interesse gewöhnt.„Die Antike wurde verjüngt, mit frischem Leben durchgeistigt und das Grundgestein gelegt über den Trümmern zerschmetterter Autoritäten. Ein Orkan der Geister war über die Welt gebraust und hatte die dumpfe Luft des Mittelalters zerteilt; der Boden für voraussetzungslose Geschichte schien geschaffen.“ Der erste, der historische Kritik versucht, ist Francesco Petrarca; im Ganzen überwog jedoch bei den Humanisten das philologische Interesse, das sich mehr im Sammeln als im Prüfen offenbarte. Der bald folgende Streit der Meinungen erzeugte eine skeptisch-kritische Richtung, die Vorstufe der modernen Quellenkritik. Leibnitz übte schon eindringende Kritik in der mittelalterlichen Geschichte; Cluver(1624) erklärte, dass die römische Geschichte bis zur Einnahme Roms durch die Gallier auf unsicherem Boden ruhte, 1735 erschien Beauforts dissertation sur l'incertitude des cinq premiers siècles de Rome, welcher auf Pouillys fast gleichnamigem Werke fussend bewies, dass die römische Geschichte bis zur Zeit des Pyrrhos nicht beglaubigt sei. Während die Resultate dieser Rich- tung meistens negative waren, tritt Niebuhr 1811, in welchem Jahre die beiden ersten Bände der römischen Geschichte erschienen, mit der Forderung nach positiven Leistungen ³) auf. Niebuhr, ¹) der in die Natur der Ueberlieferung eindrang und in der mythisch-historischen Tradition, welche nach seiner Meinung z. T. auf epischen Volksdichtungen beruht, einen historischen Kern zu finden meinte, suchte durch diesen und durch Rückschluss von späteren Einrichtungen das reale Wesen der erzählten Vorgänge zu begreifen; durch die Grundgesetze, die er aufstellte und anwendete, hat er die historische Kritik begründet und zur Methode der wissenschaftlichen Geschichts- forschung gemacht. Er wird mit Recht der Reformator der Geschichte genannt. Diese methodischen Grundsätze wendeten auf die Kirchengeschichte die Theologen der Tü- binger Schule an, auf die Geschichte des Mittelalters die Herausgeber der von Stein in's Leben gerufenen Monumenta Germaniae historica unter der Leitung von Pertz und
¹) Sybel: Ueber die Gesetze des histor Wissens. p. 16. Bernheim a. a. O., p. 124.
2²) vgl. Geiger: Renaissance und Humanismus. p. 23 ff. Wegele a. a. 0. p. 32. Bernheim a. a. 0. p. 125. v. Pfugk-Harttung a. a, O. p. 3 ff.
3³) I. Vorr de, p. IX. X.
⁴) Wegele a. a. O. p. 1007. Bernheim a. a O0. p. 142. Niebuhr's Forschungen auf dem Gebiete der röm. Geschichte sind bahnbrechend und von ihnen gehen die späteren Arbeiten aus, wie diejenigen eines Schwegler, Peter, Rubino, Nitzsch, Ihne u. a., doch sind seine Resultate der heutigen Kritik gegenüber nicht mehr haltbar. Mit Mommsen beginnt eine neue Periode der röm. Geschichtsforschung, da er für die Geschichte eine urkundliche und monumentale Grundlage zu gewinnen suchte, indem er sich nicht auf die Schriftsteller beschränkte, sondern Sprachdenkmäler und Ueberreste aller Art in umfas- sendem Masse zur Kritik herbeizog. Von Erzeugnissen dieser neuen wissenschaftl. Geschichtsbehandlung auf dem Gebiete der griech. Geschichte nenne ich die Werke von Boeckh, Grote, Curtius, Duncker, Holm u. Busolt.


