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sondern zeigt mehrfach eine selbständige Prüfung derselben. ¹) Thukydides gilt als der Meister der kritischen Historiker des Altertums; er hat nicht nur aus wertvollen schriftlichen Quellen geschöpft und mündlichen Berichten von hüben und drüben, sondern auch Urkunden zur Forschung herbeigezogen. Letzteres gilt auch von Timaios, welcher wegen der scharfen Kritik, die er an den Vorgängern übte, berühmt und berüchtigt wurde. Von Polybios sagt selbst Nissen, er habe in der ersten Hälfte seines Werkes, wo ernicht als Zeitgenosse und Augenzenge erzählt, meisterhafte Kritik geübt. Plu- tarchos legte bei jeder Vita eine ausführliche Primärquelle als Hauptquelle zu Grunde, zog aber daneben zur Controllirung und Ergänzung Nebenquellen historischen, rhetorischen und philosophischen Inhalts herbei; ²) dass Diodoros es verstanden hat mehrere Berichte in einander zu verarbeiten und wertvolle Primärqiuellen wie Thukydides solchen secundären Charakters vorzog, haben Holm, Bröcker u. a. nachgewiesen. Aehnliches gilt von Ephoros, Theopompos, Curtius, Trogus Pompeius u. anderen. Trotzdem fehlte es dem Altertum an einer principiell durchgeführten, methodisch-Kritischen Forschungsweise; der historische Sinn ging den meisten Geschicht- schreibern ab, ³) die Gegenwart bildete den Ausgangspunkt zur Erklärung der Ver- gangenheit. Die Auswahl der Quellen bestimmten nicht nur individuelle Eigenschaften, Patriotismus und Weltanschauung, sondern oft auch der der reine Zufall; urkund- liche Untersuchungen wurden nur selten und ganz gelegentlich herangezogen. Daher blieb auch der Charakter der antiken Geschichtschreibung durchweg subjectiv; bei divergirenden Nachrichten entschied nicht immer die grössere oder geringere Zu- verlässigkeit des Schriftstellers oder die innere Wahrscheinlichkeit, sondern oft die grössere Ausführlichkeit oder andere individuelle Eigenschaften der Quelle oder eigenes Gutdünken. Die alten Historiker sind mehr Geschichtschreiber als Geschichtsforscher. Thukydides ¹⁴) darf als der grösste der Alten betrachtet, werden, der auch seine Feinde mit mögligster Unparteilichkeit zu beurteilen bestrebt war; doch sind auch die Reden bei ihm nicht historische Thatsachen, sondern eigene freie Reflexionen, dem Charakter und den Umstanden angepasst. Die Historiker der rhetorischen Schule ergänzten die Lücken durch eigene Combinationen und deuteten die Tradition oft in willkürlicher und rationalistischer Weise um; derselbe Timaios, der so scharf seine Vorgänger geisselte und die à*ναεα⁵) als erste Bedingung für geschichtliche Bücher aufstellte, scheute sich nicht aus Liebe zu seinen Sikelioten ganze Reden einfach zu erfinden und ihnen in den Mund zu legen. Plutarchos wählte gern Quellen, die ausführlich und seinem Helden günstig waren und folgte denselben oft ganz kritiklos, mehr dem Glanze als der Wahrheit nachstrebend. 6) Livius folgte im ersten Teil seines Werkes blind- lings dem unzuverlässigen Valerius Antias, den er später selbst lügnerischer Ueber- treibung beschuldigt; erst als er dies erkannt, griff er zu Quellen wie Cato und Poly- bios, ohne jedoch an den Berichten des Antias etwas zu ändern. In wie hohem Grade parteiisch gefärbt die Geschichte der römischen Annalisten war, ist bekannt; dass selbst der ernste, aristokratische Tacitus seinem Grundsatz: sine ira et studio, nicht treu geblieben ist, beweist das Zerrbild, welches er von Tiberius entwirft.
9 Creuzer a. a. 0., p. 102 ff.
²) vgl. Volkmann. Plutarch. I. p. 76 ff. A. Schmidt: Perikl. Zeitalter. I. p. 229. II.§ 44
3) Vielleicht allen ausser dem Thukydides.
4¹) Büdinger: Kleon und Thukydides. Dass eine neuere Richtung in dem Werke des Thukydides auch nichts anderes sieht als tendenziöse Entstellung ist bekannt, besonders: Mäller-Strübing. Aristophanes und die histor. Kritik, und Jahrbb. für Phil. und Paed. 1885, p. 284. vgl. dagegen den trefflichen Aufsatz von E. Lange: Zur Frage über die Glaubwürdigkeit des Thuk. Jahrbb. 1887. p. 721, dessen Ansicht ich voll und ganz teile.
5) fgm. 72. 73. 144..
6) Ritter. Gesch. d. Philos. IV. p. 500.


