Aufsatz 
Die Geschichtswissenschaft / vom Gymnasiallehrer Christian Clasen
Entstehung
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nation Neues schafft, aber so wenig wie in den anderen Wissenschaften in einer Wahrheit und Dichtung mischenden Phantasie besteht, sondern in die Dinge nur hinein- trägt, was aus ihnen entnommen ist. Wie Newton aus den Vorstellungen des freien Falles und der Bewegung der Planeten um die Sonne, die getrennt auch seinen Zeit- genossen geläufig waren. durch Vereinigung die Gravitationstheorie schuf, so verleiht der Geschichtsforscher durch eine methodisch gezügelte Combination den zerstreuten toten Elementen Leben; er ist nach den Worten des grossen Kirchenhistorikers Hase wie der Prophet Ezechiel, der durch ein Feld voll Totengebeinen geht, hinter ihm rauscht das erwachende Leben, er der rückwärtsgekehrte Prophet.

Erst der echte historische Sinn, der sich in die Vergangenheit hineinzuleben ver- steht, und die methodische Kritik, welche ohne vorgefasste Meinung die Schriftsteller untersucht, in der Auswahl und Benutzung derselben sich durch kein Vorurteil be- stimmen lässt, in dieselben nichts ihnen Fremdes hineininterpretirt und die Quellen und Ueberreste in ihrem vollen Umfange zur Untersuchung und Vergleichung heran- zieht, ermöglichen eine objective Geschichte, welche mit Wahrheit und Treue die ge- schichtlichen Thatsachen in ihrer Bedeutung und in ihrem causalen Zusammenhang er- forscht und darstellt. Dass eine völlig abstracte Objectivität in geschichtlichen Dingen Ideal bleiben wird, dass der individuelle Standpunkt des Forschers auf die Auffassung bis zu einem gewissen Grade von Einfluss sein wird, mag zugegeben werden, aber andererseits muss die Wissenschaft die Forderung aufrecht erhalten, dass, da sie nur eine ist für alle, der Historiker seine Forschung und Darstellung unabhängig gestaltet von den Interessen seiner Partei, Religion und Nation, dass er von einem uni- versalen Gesichtspunkt aus die Dinge betrachtet, von dem aus er auch fremde Interessen mit Gerechtigkeit beurteilen kann. Dass eine solche Objectivität, deren Basis unbestechliche Wahrheitsliebe ist, auch auf dem Gebiete naheliegender und zeitgenössischer Geschichte möglich ist, beweisen die Werke eines Ranke, Sybel. Treitschke u. a., und welcher Abstand zwischen dieser allein wissenschaftlichen Geschichte und jenem unkritischen und unmethodischen Subjectivismus ist, dessen Erzeugnisse, die auch in unserer Zeit nicht fehlen, Tendenz- und Parteizwecken dienen, ist keinem Kundigen verborgen. ¹)

Den Anfängen der historischen Kritik begegnen wir im Altertum. Nissen hat in seinenKritischen Untersuchungen über die Quellen der 4 u. 5. Dekade des Livius das Grundgesetz der antiken Historiographie aufgestellt, dass die alten Ge- schichtschreiber die Werke der Vorgänger als mechanische Copisten einfach ausschrieben und für einen längeren Abschnitt daher immer nur eine Quelle benutzen konnten, wie es Ranke von den mittelalterlichen Historikern nachgewiesen hat. Doch hat neuer- dings die Ueberzeugung immer mehr Boden gewonnen, dass jene These über's Ziel hinausgeht und dass viele der alten Geschichtschreiber es wol verstanden haben mehrere Berichte neben einander zu benutzen und in einander zu verarbeiten und an den ihnen vorliegenden Quellen Kritik zu üben. ²) Schon Hekataios hat eine Art von historischer Kritik geübt und nicht alles auf guten Glauben angenommen, was er in den Vorlagen fand. ³) Herodotos schreibt seine Quellen nicht immer einfach aus,

¹) Ueber die subjective und objective Geschichtschreibung vgl. die vortreffliche Ausführung bei Bernheim. a. a. O., p. 491 ff. Lorenz a. a. O., p. 54 ff. Rhomberg. die Erhebung der Gesch. zum Range einer Wissensch., Wien 1883, p. 86 ff.

²) vgl Bröcker: Moderne Quellenforscher und antike Geschichtschreiber. Innsbruck 1882. Holm- Sic. Gesch. II., p. 340 ff.

3) fgm. 332: räâde Jpãpo e pot Ahdas Sowtet eivat oi Jdp Ei Aeot mooi re zai Te«olot, o éuO alvovcat cf. Müller fgm. h. G. I., p. XII.