Aufsatz 
Die Geschichtswissenschaft / vom Gymnasiallehrer Christian Clasen
Entstehung
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dem Gebiete der Geschichte wie aller Geisteswissenschaft ausgeschlossen, da die Be- dingungen nicht in unserer Macht stehen; ebenso ist eine Wiederholung und mathe- matische Berechnung hier unmöglich. Für die geschichtliche Forschung liegen uns teils Ueberreste von Thatsachen teils Auffassungen von denselben oder von Auffassungen in einer meist lückenhaften Ueberlieferung, literarischen wie monumentalen, vor. Die Materialien zur historischen Arbeit herbeizuschaffen ist Aufgabe der Heuristik, Sie ist die Bergmannskunst zu finden und ans Licht zu holen, die Arbeit unter der Erde. ¹) Dieselben gilt es zu prüfen und aus ihnen die geschichtlichen Thatsachen zu erweisen; diese Prüfung ist Aufgabe der historischen Kritik und sie bildet das Eigen- tümliche der geschichtswissenschaftlichen Methode. ²) Die Prüfung soll, von keinem Vorurteil oder vorgefassten Standpunkt, sittlichen, religiösen oder nationalen befangen, nichts als Wahrheit suchen, mag sie unseren Wünschen und Anschauungen entsprechen oder uns lieb gewordene Ideale mit grausamer Hand zerreissen; ihr Grundzug ist rücksichtsloses Ringen nach Erkenntnis, selbst wenn sie dem Forscher gegen die Seele geht.

Während die Quellenkritik in der Analyse der vorliegenden Zeugnisse besteht, hat. die sachliche Kritik, welche mit jener Hand in Hand geht, die Zuverlässigkeit derselben und die Thatsächlichkeit der Ereignisse festzustellen. In so wenig Worte sich die Aufgabe der methodischen Kritik fassen lässt, so umfassend sind die erforderlichen Vor- arbeiten, so schwierig und verwickelt oft im Einzelnen die Lösung, wenn wir bedenken, wie lückenhaft die Tradition ist und welchen Umsetzungsprocess das Material der Ueberlieferung auf dem Wege von den Primärquellen bis zur Niederschrift durch die uns vorliegenden Schriftsteller unterliegen konnte. Diesen Process ergründet durch Vergleichung die Quellenanalyse; dazu ist es nöthig, die Eigenart des Schriftstellers, die Arbeitsweise und Sprache, den politischen Standpunkt und die Weltan- schauung, die Entwicklung und die Stellung zu dem Erzählten, nicht nur des uns vorliegenden Autoren, sondern auch, soweit als möglich, der von ihm benutzten zu kennen. Es gilt also für den grössten Teil der alten Geschichte in erster Linie einen Diodoros und Plutarchos in all diesen Beziehungen genau zu erforschen, dann aber auch, soweit es möglich einen Ephoros, Theopompos, Timaios aus ihnen zu reconstruiren. Die Nachrichten eines Schriftstellers controliren, corrigiren und er- gänzen wir nicht nur durch andere Autoren, sondern durch Quellen aller Art; und welche Fülle steht der heutigen Wissenschaft nicht zu Gebote? Nicht nur gedruckte und ge- schriebene Bücher, officielle Urkunden, sondern Privatbriefe und Volkslieder, die Be- richte der Diplomaten;aus den Höhlen der Berge, aus dem Schoosse der Erde, aus der Tiefe der Seen fördert der Forscher die Funde der Vorzeit zu Tage, aus dem Staube einst ängstlich verschlossener Archive die Urkunden, Handschriften aus Bibli- otheken; unscheinbare Münzen, stolze Dome, verwitterte Inschriften, vergilbte Perga- mente, fratzenhafte Handzeichnungen der Codices und verrostete Waffen der Gräber, Alles, Alles liegt ausgebreitet vor dem Throne der Geschichte, auf jedes lenkt sie ihr prüfendes Auge. ³)

Doch die Geschichte als Wissenschaft begnügt sich nicht mit der Constatirung des Thatsächlichen, ihre zweite Aufgabe ist die causale Interpretation,) das einzelne als ein Glied des geschichtlichen Werdeprocesses, im Zusammenhang der Entwicklung zu begreifen. Hier wird die schöpferische Apperception thätig, welche durch Combi-

¹) Droysen a. a. O.§ 20 27. Bernheim a. a. O. cp. III.

²) vgl. die ausführliche und vortreffliche Darstellung bei Bernheim. cp. II und IV. ³) von Pflugk-Harttung. Geschichtsbetrachtungen p. 12 f.

4) Bernheim a. a. O., cp. V: Auffassung. p. 390 ff.