Aufsatz 
Die Geschichtswissenschaft / vom Gymnasiallehrer Christian Clasen
Entstehung
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Il.

Da alle Wissenschaften die Aufgabe haben Thatsachen zu sammeln und in ihren causalen Beziehungen zu erkennen, so müssen auch die Methoden wissenschaftlicher Forschung gemeinsame Grundzüge aufweisen. Vielfach hat man die wissenschaftlichen Methoden so geschieden¹) dass man der Naturwissenschaft vorwiegend die inductive, der Philosophie die deductive zuschrieb, der Geschichte aber eine Gombination beider Verfahrungsarten vindicirte; doch mit Unrecht. Wol gab es eine Zeit, wo man in der Methode den Unterschied zwischen der Philosophie und den Einzelwissenschaften sah, indem man annahm, dass, während letztere auf inductivem Wege zu ihren Er- kenntnissen gelangt, die Philosophie den umgekehrten Weg, von oben nach unten, ein- zuschlagen und von allgemeinen Begriffen auszugehen habe, um zu allgemeingültigen Resultaten zu gelangen. Wohin aber diese Methode führt, haben die speculativen Deductionen eines Fichte und Hegel gezeigt, von denen der letztere z. B. aus Zahlenverhältnissen a priori nachwies, dass die Lücke zwischen Mars und Jupiter eine Notwendigkeit sei, während die exacte Forschung kurz vorher eine der Aster- oiden entdeckt hatte. Die Zeit dieser aprioristischen Philosophie ist vorüber, welche nach Göthes Worten so tiefsinnig fasst, was in des Menschen Hirn nicht passt; auch wo man metaphysische Fragen behandelt und allgemeine Principien sucht, ist es nur mög- lich auf der Basis der inductiv gewonnenen Erkenntnisse.²) Alle wissenschaftliche Er- kenntnis wird durch Induction gewonnen, und zwar durch die unvollständige Induction ³) zu welcher auch die Analogie) gehört. Ist die Wissenschaft auf inductivem Wege zu allgemeinen Urteilen(Gesetzen in weiteren Sinne) gelangt, so geht die Entwickelung auf deductivem Wege weiter, bis ein Widerspruch wieder zur Induction führt; das deduc- tive Verfahren ist immer nur möglich auf Grund von inductiv gewonnenen Verallge- meinerungen. Die deductive Methode ist so wenig specifisch philosophischer Art, wie die inductive der Naturwissenschaft speciell eigen ist, vielmehr sind bei jedem wissenschaftlichen Verfahren beide Verfahrungsarten mit einander verbunden, ja das naturwissenschaftliche Experiment ist eigentlich ein deductiver Process. So gewinnt auch die Geschichtswissenschaft ihre Erkenntnis durch Induction und auf Grund der gewonnenen Resultate gelangt sie zur Verallgemeinerung, dem einzigen Gesetz, welches in der geschichtlichen Welt möglich ist, um von hier aus zum Einzelnen zurückzu- kehren. Die Voraussetzung, welche jeder Induction zu Grunde liegt, ist das Causal- gesetz, dass die gleichen Ursachen die gleichen Wirkungen hervorbringen und dass der Zusammenhang der Dinge ein gesetzmässiger ist. So ist auch die Geschichtswissen- schaft nur möglich unter der Voraussetzung, dass, wie bei uns z. B., Gefühle und Strebungen Anlass zu Handlungen werden, es auch früher so gewesen ist; wir beurteilen alles geistige Geschehen nach Massstab dessen, was in uns vorgeht. Während die Sicherheit der naturwissenschaftlichen Methode auf der Beobachtung unmittelbar ge- gebener Thatsachen und dem Experiment, einer Beobachtung künstlich isolirter Ur- sachen auf Art und Grad ihrer Wirkung beruht, denen noch die Möglichkeit einer Wieder- holung und die Anwendung der Mathematik zu Hilfe kommt, ist das Experiment auf

¹) vgl. Bernheim a. a. 0., p. 102 ff.

2) E. v. Hartmann. Philos. d. Unbew. p. 10 ff.

³) Drobisch Logik§ 148.

4) Dass auch die Analogie auf dem Gebiete der Gesch. eine grosse Rolle spielt, betont schon Schiller in seiner berühmten Jenaer Antrittsrede, doch darf die Analogie nicht zu weit gehen und die grossen Verschiedenheiten in Anlagen und Naturverhältnissen übersehen.