Aufsatz 
Die Geschichtswissenschaft / vom Gymnasiallehrer Christian Clasen
Entstehung
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Vorurteil gegen die Barbaren befangen waren. Die stoische Lebre hat auf Polybios grossen Einfluss gehabt besonders in der Ethik und Politik, aber den stoischen Kosmo- politismus hat er in] seiner Tragweite nicht erfassen können, derselbe verschwamm ihm in der Gemeinschaft des Griechen- und Römertums.) Auch bei Diodoros finden sich deutliche Spuren stoischer Studien²); in der Einleitung(I., 1, 3) spricht er die stoische Lehre vom Weltbürgertum klar aus: Ererta dννας αυνρμ⁶ισμοωοσ sté Oa Ly ie nChc 29h.c 0TTs'eiac, ronOꝓ e ze JSOςα duεοεννη⁸νπεα³ε, σνροννινααπ᷑᷑ Eiay zal T'y abrIv SövcaE aralsry 6S eoc 570PTO ne deins SOoOias Tsyn dévtsc z. x. ¼. Aber wie Busolt bemerkt, sind diese Aeusserungen, die auf Poseidonios zurückgehen, dem mechanisch zusammengestellten geschichtlichen Stoffe bloss wie ein Beiwerk angefügt, ohne diesen selbst innerlich zu berühren. Und so bleibt auch die Geschichtswissen- schaft im allgemeinen lvon dieser Lehre unberührt; ebenso wenig hat sie sich den stoischen Gedanken von dem gesetzmässigen Zusammenhang im Leben der Staaten und Einzelnen angeeignet oder weiter durchgeführt; doch auch die Stoa blieb hier auf halbem Wege stehen, indem sie, wo die Causalität unerforschbar war, ihre Zuflucht zu der ουναα nahm, die wir bei jenen Geschichtschreibern als orn oder inaeenn wieder finden. Erst das Christentum verband die Völker und Nationen zu einem Gesculecht ³): Ein Wort, das nimmer die Lippen des Socrates noch des Plato noch des Aristoteles überschritten hat, die Menschheit), Paulus spricht es aus auf dem Areopag von Athen. Der Begriff der Menschheit, und zwar nicht als eine durch Abstraction ge- wonnene Denkform, sondern als eine Vorstellung von einer objectiven Realität, er- möglicht erst eine einheitliche Auffassung des geschichtlichen Processes und damit eine Weltgeschichte. Dazu kommt die Vorstellung von einer continuirlichen Entwicklung der geschichtlichen Vorgänge, welche erst die neuere Wissenschaft geschaffen; die Menschheit in ihrer geistigen Entwicklung, die geschichtlichen Vorgänge in ihren causalen Beziehungen, das Einzelne als Glied dieses Zusammenhanges zu erforschen, wird Aufgabe der Geschichtswissenschaft. Zu dieser genetischen Auffassung hat erst die Neuzeit sich emporgeschwungen und damit die Geschichte zu einer Wissenschaft gemacht, welche die Thatsachen um ihrer Selbst, willen, nicht zu einem anderen Zwecke untersucht und darstellt. Bis dahin stand die Geschichte im Dienste der Theologie, der Philosophie, der Rechtswissenschaft, sie warangewandte Politik, flüssiges Recht, Religion in Beispielen oder eine Schule des Patriotismus).

Die erste Stufe der Geschichtschreibung ist die naive oder erzählende, welche, wie in den Annalen und Chroniken, in einer blossen Aufzeichnung ven den Begebenheiten jedes Jahres besteht, oder in einer einfachen aneinanderreihenden Erzählung ohne äusseren und inneren Zusammenhang. Höchstens weist sie schwache Ansätze zu einer äusserlichen causalen Interpretation auf, die an der Oberfläche haften bleibt. Diese erzählende Geschichte jst aus den Heldensagen der Epen hervorgegangen und befriedigt wie diese das natür- liche Interesse an den Thaten der Vorzeit. Hierher gehören nicht nur die griechischen Logographen, sondern auch noch Herodotos, dessen Werk noch zum grossen Teil einen epischen Charakter trägt 6) und in der Absicht verfasst ist, die hellenischen Helden- thaten der Vergangenheit zu entreissen.

In einen bewussten Gegensatz zur sagenhaften Dichtung tritt erst Th ukydides?),

¹) v. Scala die Studien des Polybios. I. Stuttgart 1891, p. 201 ff.

2) Busolt: Diodors Verhältnis zum Stoicismus. Jahrb. für Phil. u. Päd. 1889. 5, p. 257 ff.

3) cf. Rocholl: Die Philos. der Geschichte. Göttingen 1878, p. 20 ff.

4) Max Müller: Essays 1863. II., p. 5.

5) Acton a. a. O. p. 11. Dieser Emancipationsprocess ist dargestellt in dem genannten Werke von Wegele. 1

6) vgl. zum Folgenden Bernheim. a. a. O. p. 11 ff. Creuzer. a. a. O. P. 200 ff.

) Thuk. I., 22. Creuzer. a. a. O. p. 262 ff.