Aufsatz 
Die Geschichtswissenschaft / vom Gymnasiallehrer Christian Clasen
Entstehung
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lichen Geistes im Rahmen des Staates, der erst durch die Bildung einer Nationalität ¹), eines Vaterlandes, einer rechtlichen Ordnung und bestimmten Gliederung entstehen kann ²); ihre Quelle ist vorwiegend gegeben in der schriftlichen Tradition. Sie hat es nicht nur mit Massen und Zuständen zu thun, sondern in noch höherem Grade mit Individuen; Einzelpersönlichkeit und Gesammtheit, Individualwille und Universalwille sind für sie gleich real, beide sind in ihren Erscheinungen und Wechselbeziehungen Objecte der historischen Betrachtung, individuelle Psychologie uad Völkerpsychologie die Basis aller Geschichtswissenschaft. Innerhalb dieser Begrenzung gibt es für die Geschichte keine Schranken, so oft sie auch gezogen sind, es gibt nicht Länder und Völker, die principiell von der geschichtlichen Forschung ausgeschlossen ³) werden, die Menschheit ist Gegenstand derselben; auch können nicht einzelne Zweige der Wissen- schaft den ausschliesslichen Anspruch auf den Namen derselben erheben. Die Arbeits- teilung bringt es freilich mit sich, dass wir von verschiedenen Gesichtspunkten aus die Enwicklungsgeschichte der Menschheit darstellen, dass der Forscher nur gewisse Seiten derselben, oder einzelne Personen, Völker oder Zeitalter beherrschen kann. Daher ist es ebenso einseitig, wenn Lorenz ¹⁴) die Geschichte als jene Erfahrungswissenschaft definirt,welche die auf unsere staatlich gesellshaftlichen Zustände in bewusster Weise hinzielenden Handlungen der Menschen nach all ihren inneren und äusseren Gründen in zeitlicher Abfolge entwickelt und darstellt, als wenn Du Bois-Reymondo) die bürgerliche Geschichte als unwissenschaftlichen Ballast verwirft, die ihm von nichts erzahlt, als vonSteigen und Fallen der Könige und Reiche, von Verträgen und Erb- streitigkeiten, von Kriegen und Eroberungen, von Schlachten und Belagerungen, von Aufständen und Parteikämpfen. von Städtsverwäüstungen und Völkerhetzen, von Morden und Hinrichtungen. von Palastverschwörungen und Priesterränken, und ihm nur die- jenige als wahre Geschichte des Menschengeschlechtes erscheint, welche uns seine all- mähliche Erhebung aus halber Tierheit, seine Fortschritte in Künsten und Wissenschaften, seine wachsende Herrschaft über die Natur, seinen täglich sich mehrenden Wohlstand, seine Befreiung aus den Fesseln des Aberglaubens vorführt.

In diesen beiden Vertretern haben wir kurz die Richtungen charakterisirt, die sich schroff gegenüberstehen; jene will die Geschichtswissenschaft auf die politische oder Staatengeschichte) beschränken, diese die Kulturthätigkeit als einzig würdigen Gegenstand der Wissenschaft betrachten und meistens der demokratisirenden Richtung der Zeit folgend, nur in den Massen den Vollbringer derselben suchen. Das Rechte liegt hier, wie so oft, in der Mitte zwischen beiden Extremen, die politische wie die Kulturgeschichte?) sind untrennbare, gleichberechtigte Gebiete der einen Ge-

) Kirchhof. Ueber die Entstehung von Nationen. D. Revue 1884, 9 III., p. 72 ff.

2) Biedermann. Philosophie der Geschichte, p. XX:Die menschliche Gesellschaft, durch Land und Bevölkerung natürlich, durch Dauer und Entwicklung geschichtlich, durch Recht und Macht vernünftig bestimmt, das ist der Staat.

³) Nomadische Völker werden sesshaft wie die Magyaren; andererseits treten Naturvölker bei den jetzigen Verkehrsverhältnissen in zahllose Verbindungen mit Kulturvölkern, welche der geschichtlichen Forschung unterliegen; das hindert uns aber nicht, die Kulturentwicklung selbst auf dieser Stufe zum Gegenstand einer eigenen Disciplin, der Ethnologie, zu machen.

4) a. a. O., p. 190.

5) Kulturgeschichte und Naturwissenschaft, p. 31.

6) Dahlmann ist der bedeutendste Staatengeschichtschreiber Deutschlands. Auch Rauke ist hauptsächlich politischer Historiker, und zieht, wenn er auch(Weltg. I., p. X) die Werke des Genius in Poesie, Literatur, Wissenschaft und Kunst als wesentliche Bestandteile der geschichtlichen Darstellung betont, thatsächlich in seiner Weltgeschichte die politischen Kämpfe und kirchlichen Bewegungen, die er als die massgebenden Momente in dem Antagonismus der Nationen betrachtet. in welchem sich die geschichtliche Bewegung vollzieht, vorwiegend in den Kreis seiner Forschung und Darstellung; cf. Lorenz, a. a. O. p. 42.

7) Eine vorzügliche Darstellung der neuesten Bearbeitungen gibt Jodl. Die Kulturgeschicht- schreibung, ihre Entwicklung und ihr Problem. Halle 1878.