Aufsatz 
Die Geschichtswissenschaft / vom Gymnasiallehrer Christian Clasen
Entstehung
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Bedingungen und Methoden der Forschung zwingen uns in dem grossen Gebiet dieser Entwicklung auch die Objecte zu begrenzen und sie mehreren Disciplinen zuzuweisen, der Ethnologie und der Geschichtswissenschaft. Letztere hat es mit der nach Staaten gegliederten Menschheit zu thun vom Beginn der schriftlichen Ueberlieferung, jene sucht die Entwicklung des menschlichen Geistes in den sogen. prähistorischen Zeiten und bei den Naturvölkern zu ergründen. Nicht der Mensch als sociales Wesen ¹), sondern die Bethätigung des menschlichen Geistes in den ethischen Formen und Institutionen, so- tern sie in dem allgemeinen Entwicklungsprocess der Kultur, als deren einzelne Aus- gestaltungen Kunst und Wissenschaft, Religion und Staat, Sitte und Recht anzusehen sind, Bedeutung hat ²), ist Gegenstand der Geschichte. Ehelose Horden ³), herumwan- dernde Nomaden, recht- und staatlose Stämme gehören nicht in das Gebiet der Ge- schichte, sondern der Ethnologie. Diese Wissenschaft steht gleichsam zwischen Natur- wissenschaft und Geschichte): wie die Naturwissenschaft nur Arten und Gattungen beschreibt, so die Ethnologie nur Völker, Stämme und Rassen, während in der Ge- schichte hervorragende Einzelgeister eine bedeutende Rolle spielen, bei Naturvölkern bestimmt der Gesammtgeist das Leben, bei Kulturvölkern in viel höherem Grade der einzelner Individuen, hier gibt eshistorische Persönlichkeiten, dort wie in der Natur nur Exemplare der Gattung, und hierin liegt ein Fundamentalunterschied zwischen Geschichte und Ethnologie. Diese sucht durch Vergleichung die allgemeinen, bei allen Völkern der Erde nachweisbaren Formen der Kultur und socialen Organisation zu er- forschen, das Individuelle, der einzelne Fall nach Ort und Zeit ist für sie ganz gleich- gültig ³). Auch die Methode der Ethnologie ist der naturwissenschaftlichen verwandt, da sie aus unmittelbar gegebenen Thatsachen oder Ueberresten von Thatsachen schöpft. Als Quelle dienen nämlich der Ethnologie Sitten, Gebräuche, Anschauungen, Sprachen und Ueberreste aller Art, zu denen auch die sogenanntenUeberlebsel ⁶6) gehören, während die Geschichte es vorwiegend mit einer schriftlichen Tradition zu thun hat und die Ueberreste hier nur secundäre Bedeutung haben. Die Entwicklung des mensch- lichen Geistes ist das beiden Wissenschaften gemeinsame Object, daher natürlich, dass zwischen denselben viele Berührungspunkte sind, dass sie in einander übergreifen, dass die Ethnologie häufig in das Verhältnis einer Hilfswissenschaft zur Geschichte tritt, doch ist das kein Grund, jene Differenzen zu übersehen, welche es unmöglich machen sie als eine Wissenschaft zu betrachten. Die Ethnologie sucht die Anfänge der Kultur, welche die Geschichte als gegeben voraussetzt, bis zu den ersten und dürftigsten Keimen zurückzuverfolgen und überall die wirkenden Kräfte aufzudecken: sie steht in innigster Beziehung zur Sprachwissenschaft, welche oft allein jene dunklen Urzeiten zu erhellen und Bewegungen und Vereinigungen der Völker, ihre Anschauungen und Zustände zu enthüllen vermag 7). Die Geschichtswissenschaft erforscht die Entwicklung des mensch-

¹) Bernheim. Lehrb. der hist Meth, p. 4:die Gesch. ist die Wissensch. von der Entwicklung der Menschen in ihrer Bethätigung als sociale Wesen. Einen isolirten Menschen hat es überhaupt in keiner Erfahrung gegeben, andererseits gibt es auch sociale Tiere und Bethätigungen derselben als solcher, vgl. Darwin. the descent of man übersetzt von Victor Carus, p. 91 ff. Lippert. Kulturgesch., p 75.

²) Was ein Raubritter des Mittelalters z. B. für Mordthaten ausgeführt oder für Abenteuer be- standen hat, hat kein geschichtliches Interresse und keinen wissenschaftlichen Wert, kann höchstens nur insofern von Bedeutung werden, als es bei dem Mangel aller anderen Nachrichten auf den Gesammt- zustand ein dürftciges Licht werfen kann.

³) Bachof. Das Mutterrecht., Post. Grundlage des Rechts. Lubbock. Die Entstehung der Civilisation.

4) Tylor. Die Anfänge der Kultur, p. 2, rechnet die Ethnol. zur Naturwissenschaft.

5) Pylor. a. a. O., p. 6.

6) Tylor. a a. 0, p. 16.

7) Schrader hat es auf dem Gebiete der indogerm. Sprachen gezeigt: Sprachforschung und Ur- geschichte, Jena 1890.