Hand in Hand. In jenen formalen Disciplinen ist das normative Element das primäre, sie sind die Normwissenschaften zar 2εονν, in der Geschichte ist die Wertschätzung das Secundäre.
Der Endzweck der Wissenschaft, in Wirklichkeit nie erreichbar, ist alle That- sachen, soweit sie erfahrbar sind, nach ihrem Inhalt und ihren causalen Beziehungen zu einem in sich selbst übrereinstimmenden System von Begriffen zu verknüpfen; begriff- liche Constructionen, welche den Objecten entsprechen und daher wahr sind, nennen wir Theorieen, solche, die dieser Forderung nicht völlig entsprechen und nur einem Teil der Thatsachen adäquat sind, aber keiner widersprechen, sind wissenschaftliche Hypo- thesen. Beide stehen in engster Beziehung zu einander und befinden sich in stetem Fluss; die fortschreitende Analyse der Thatsachen verwandelt Hypothesen in Theorieen und umgekehrt. Von wie grosser Bedeutung die Hypothesen in der Geschichtswissen- schaft sind, beweist der Umstand, dass uns die geschichtlichen Vorgänge fast nie zur Beobachtung gegeben sind.
Das Wesen unseres Erkennens, das stets notwendige Lücken aufweisen wird, und der Causalitätstrieb, der uns naturgemäss zu den Fragen nach den letzten Ursachen treibt, führen uns zu den transcendentalen Problemen, die jenseits aller möglichen Er- fahrung liegen und daher auf wissenschaftlichem Wege nie ihre Lösung finden werden; sie gehören in das Gebiet des Glaubens und der metaphysischen Speculationen, die nur be- rechtigt sind auf der Basis der erkenntnistheoretisch geprüften Einzelerfahrungen ¹). Hier steht als Scheide alles menschlichen Wissens ein unerbittliches:„ignorabimus“! Diese Grenze aller Wissenschaft überschreitet auch die Geschichte, wenn sie den Pfaden der speculativen Philosophie folgend die fragen nach dem Ziel und der Bestimmung der Menschheit überhaupt in ihr Bereich zieht, so dass Ranke“*) sie mit vollem Recht in ihre Grenzen zurückweist:„Nur das kann die Geschichtswissenschaft unternehmen, was sie mit ihren Mitteln zu erreichen vermag. Wie könnte sich der Geschichts- schreiber zutrauen, das Geheimnis der Urwelt, also das Verhältnis des Menschen zu Gott und zu der Natur zu enthüllen“? Doch nicht nur der philosophische Idealismus, sondern auch die Philosophie des Materialismus, in deren Dienst die Geschichte auch getreten ist, drang in das transcendentale Gebiet und machte den Stoff zum Absoluten an Stelle Gottes, das Weltall zu einem toten Klotz, den die Kräfte, welche nicht das Wesen der Materie sondern nur die Prädicate derselben sind, in blinder, unerbittlicher Notwendigkeit vor sich herwälzen ³).
Die Geschichte ist also die Wissenschaft von der Entwicklung des menschlichen Geistes ⁴), doch ist auch diese Bestimmung noch zu weit, die vollständig verschiedenen
¹) Die Methaphysik ist keine Wissenschaft und daher auch keine philos. Disciplin, sie enthält Fragen, auf welche die Wissenschaft nie Antwort zu geben vermag. Obwohl der gewaltige Kant sie ver- nichtet hat, erhob sie nach ihm ihr Haupt auf's neue, um mit ihren speculativen Deductionen alles zu erklären und zu beweisen; die heutige positivistisch-kritische Philos. verwirft sie mit Recht als Wissen- schaft. Damit soll nicht geleugnet werden, dass sie in der menschlichen Natur begründet und daher berechtigt ist, und als Weltanschauung fortbestehen wird, aber sie kann nicht Wissen schaffen und ist nicht objectiv, sondern, wie ihre Geschichte zeigt, subjectiv und in höherem Grade den individuellen Bedürfnissen entsprechend, als vom Fortschritt des Wissens abhängig.
2) Weltg., I., p. 5.
3) vgl. 0. Caspari. Die Philosophie im Bunde mit der Naturforschung. Kosmos I., p. 4 ff., von naturwiss. Seite bekämpft den Materialismus: Naumann. Die Naturwissenschaft und der Materia- lismus; Bonn 1869, der sich besonders gegen L Büchner wendet. Den Todesstoss hat dem Materia- lismus Albert Lange gegeben in seinem geistreichen Werke: Geschichte des Materialismus. Marburg 1873.
4) vgl Cuno. Etrusker, p 378:„das Wesen des Menschengeistes zu ergründen durch die Erforschung dessen, was er geschaffen und gewollt, ist das letzte Ziel der historischen Disciplin“. Aehn- lich allgemein ist die Bestimmung Hases(Gesch. Jesu):„Geschichte in die Darstellung und Entwicklung freier KRräfte durch die Anregung und im Kampf des Schicksals“. In die em weiteren Sinne sind historische Disciplinen alle, die sich mit der Entwicklung des menschl. Geistes beschäftigen, auch die Ethnologie.


