Aufsatz 
Die Geschichtswissenschaft / vom Gymnasiallehrer Christian Clasen
Entstehung
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Wollens und Vorstellens ¹). Während wir hier von den einzelnen verschiedenen Vor- gängen selbst absehen und nur die stets wiederkehrenden Beziehungen an denselben in abstracto betrachten, behandeln die materialen(oder geschichtlichen) Wissenschaften die Vorgänge selbst in ihrem Geschehen, Werden, Entwickeln.

Das sich Gleichbleibende hat keine Geschichte, nur das Werden, das Neues schafft, kann Gegenstand der Geschichte werden; der Begriff der Entwicklung ist aller Ge- schichte gemeinsam. Wir sprechen von einer Geschichte der Erdrevolutionen, des Sonnensystems, der Organismen u. s. w. und in diesem Sinne sind Geologie, Astro- nomie, Biologie etc. geschichtliche Wissenschaften, denen jene formalen Disciplinen als die grundlegenden Wissenschaften von den Bewegungsvorgängen und organischen Functionen im allgemeinen die Gesetze und rationalen Elemente liefern. Dieselbe centrale Stellung nimmt die Psychologie als die Wissenschaft von dem allem geistigen Leben zu Grunde liegenden Mechanismus inmitten der Geisteswissenschaften ein; wenn jene die constanten Gesetze der psychischen Vorgänge zu erforschen hat, so ist es Aufgabe der materialen Geisteswissenschaft d. h. der Geschichtswissenschaft die Stre- bungen, Gefühle und Vorstellungen in ihren Erscheinungen nach dem causalen Zusammen- hang und der Entwicklung zu erkennen; und wie die psychischen Vorgänge nie isolirt vorkommen, sondern nur durch unsere Abstraction getrennt werden können, so lässt sich auch die Geschichte des Handelns nicht von der des Intellects trennen, sie bilden ein zusammenhängendes Ganze. Während die Naturwissenschaft eine rein explicative (erkennende) Disciplin ist, d. h. von jeder Beurteilung absieht und sich erschöpft in der Erforschung des causalen Zusammenhangs der Thatsachen, die alle gleichwertig sind, haben die psychischen Vorgänge auch eine Geltung für die Dinge und sind damit einer Wertschätzung unterworfen. Wir betrachten die Willensvorgänge, Vorstellungen und Gefühle nicht nur psychologisch d. h. nach ihrem ursächlichen Zusammenhang, sondern auch mit Rüchsicht auf bestimmte Normen, Gesetze des Sollens, welche fordern, dass dieselben sittlich gut, wahr und schön sind. So entstehen die formalen Norm-Wissen- schaften: Logik, die Wissenschaft von den normativen Gesetzen der menschlichen Er- kenntnis(Ueberweg. Logik, p. 1), die Ethik, diejenige von den Normen des sittlichen Handelns(Wundt Ethik, p 1 7), die Aesthetik, die Wissenschaft von den Gesetzen, auf deren Befolgung die Realisirung des Schönen beruht(Ueberweg. Logik, p. 10) Die formalen Geisteswissenschaften(d. i. die Psychologie und die drei normativen Dis- ciplinen: Logik, Ethik, Aesthetik) bilden mit der Erkenntnistheorie, welche die Möglich- keit des Erkennens überhaupt untersucht, den Complex der philosophischen Wissenschaften ²).

Der Normbegriff ist in die Naturwissenschaft in Form des Naturgesetzes einge- drungen; also in anderer Bedeutung wie in den Geisteswissenschaften, da von einer Wertschätzung nicht die Rede ist. Auch die Geschichte ist vorwiegend eine explicative Disciplin, hat jedoch den Normbegriff in sich aufgenommen, nicht in dem Sinne wie die Naturwissenschaft, dass sie bestrebt ist die geistigen Thatsachen der Herrschaft von Gesetzen zu unterwerfen, sondern weil sie Massstäbe der Beurteilung für Personen, Ereignisse, ganze Völker und Zeitalter sucht und anwendet; das Erkennen und Be- urteilen, die causale und teleologische Auffassung gehen in geschichtlicher Forschung

als eine Art von Vorstellungen oder Strebungen aufgefasst werden. Die Gefühle sind selbständige, von diesen specifisch verschiedene psych. Vorgänge und entwicklungsgeschichtlich betrachtet sogar der primäre Factor des Geistes.

2) cf. Steinthal Z. f. Völkerpsych. und Sprachw. 1880, p. 80 ff. und seine Ethik, p. 30 und 88. St. scheidet die materialen Disciplinen, zu denen er die Psychol. zählt, in beschreibende(erzählende) und rationale. Die formalen d. h. die Theorieen der Beurteilung, Logik und Metaphysik, Ethik und Aesthetik, bilden die Philosophie. 4