Aufsatz 
Die Geschichtswissenschaft / vom Gymnasiallehrer Christian Clasen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

class. Philologie und Theologie, im 17. und 18. die Philosophie die herrschende Stellung einnahm, ist diese in unserem Jahrhundert auf die Naturwissenschaft und Geschichte übergegangen und damit haben auch die allgemeinen Probleme dieser Disciplinen er- höhtes Interesse gewonnen und eine intensivere Bearbeitung erfahren ¹).

Zur Erkenntnis der Dinge treibt den Menschen zunächst nur das praktische In- teresse, welches seinen Mittelpunkt in den Bedürfnissen des Individuums findet. Die Lebensfürsorge, die nach Lippert der überall herrschende Grundantrieb in der Kultur- entwicklung ist, die Sorge um das eigene Ich ist die Wurzel aller Denkthätigkeit, für alles andere herrscht auf dieser Stufe völlige Interesselosigkeit ²). Ueber diesen Stand- punkt führt die dem Menschen eigentümliche Frage nach demwarum, der Causalitäts- trieb, der die Menschen dazu pringt von den persönlichen Interessen abzusehen und nach den Ursachen der Dinge zu fragen. Der Causalitätstrieb, welcher nicht von den all- täglichen Phänomenen oder einer grossartigen Naturumgebung, sondern von den über- raschend und seltener auftretenden Ereignissen angeregt wird, ist der erste Factor der theoretischen Erkenntnis; der zweite ist gegeben durch das Erstaunen, das daννμέ⁴αοεεν das Plato³) und Aristoteles) irrtümlich an erste Stelle setzen. Der Causalitäts- trieb und die Verwunderung entwickeln ein selbständiges, sachliches Interesse an den Dingen; die praktische Weltanschauung wird von der theoretischen verdrängt, welche die Thatsachen sammelt und nach ihrem eigenen Inhalt, nicht nach dem menschlichen Gebrauch, ordnet. Hiermit ist die erste Stufe wissenschaftlicher Thätigkeit gegeben, die logische Ordnung der Thatsachen, die darin besteht, dass sie diese sammelt, analysirt d. h. die ihnen eigentümlichen Merkmale zu bestimmen sucht, und nach den letzteren ordnet. Die Beobachtung einer regelmässigen Aufeinanderfolge von Vorgängen bringt die Menschen zur Erkenntnis, dass dieselben im Verhältnis von Ursache und Wirkung stehen, dass die veränderlichen Vorgänge im Causalnexus sich befinden; es gilt in zweiter Linie die Thatsachen zu ordnen nach ihrem ursächlichen Zusammenhang. Sammlung und Analyse, logische Ordnung und causale Interpretation der Thatsachen bilden die Aufgabe aller wissenschaftlichen Arbeit. Thatsachen sind uns sowohl gegeben durch sinnliche Wahrnehmung als auch durch Selbstbewusstsein; erstere sind diejenigen der àusseren Natur und dadurch charakterisirt, dass ihre Beziehungen Bewegungsvorgänge sind, sie bilden das Objekt der Naturwissenschaften; die uns durch Selbstbeobachtung gegebenen sind die psychischen Vorgänge und bilden den Gegenstand der Geisteswissen- schaften. Insofern die Wissenschaften die allgemeinen Beziehungen dieser beiden Arten von Vorgängen betrachten, unbekümmert um örtliche und zeitliche Verhältnisse, sind sie formale(oder rationale); diese sind auf dem Gebiete der Natur die Physik, Chemie und Physiologie, die Wissenschaften von den constanten Gesetzen der körper- lichen Beziehungen, auf demjenigen des Geistes die Psychologie, die Wissenschaft von dem gesetzmässigen Zusammenhang der geistigen Vorgänge, derjenigen des Fühlens,

¹) Ausser den älteren Schriften von Wachsmuth, Humboldt und Gervinus, nenne ich hier be- sonders: Droysen. Historik; Leipzig 88. Bernheim. Geschichtsforschung und Geschichtsphilosophie. Göttingen 80. Lorenz. Die Geschichtswissenschaft in Hauptrichtungen und Aufgaben. Berlin 86. Bernheim. Lehrbuch der hist. Methode, Leipzig 89. Dilthey. Einleitung in die Geisteswissen- schaft; I, Leipzig 883. Freeman. The methods of historical study London 86. Karejew. Die Grundfragen der Philos. der Geschichte. Moskau 83. Die letzten drei Werke waren mir nicht zugäng- lich. Die Geschichte unserer Wissenschaft haben, gleichsam als Fortsetzung der bekannten Werke von Wattenbach und Lorenz, behandelt: F. H. v. Wegele. Geschichte der deutschen Historiographie 85 und Lord Acton. Die neuere deutsche Geschichtsschreibung, übersetzt von Immelmann. Berlin 87.

2) Lippert. Kulturgeschichte der Menschheit, I., p. 5 ff. 3) Theätet. 155. D. 4) Methaphys. I., 2.