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Nicht Resultate, welche nur blinde Meinungen stiften, sondern die Untersuchungen selbst in ihrem vollen Umfange.
B. G. Niebuhr.
Der heutigen Wissenschaft wird vielfach der Vorwurf der zu grossen Specialisirung gemacht, doch ist dieser nur da berechtigt, wo die Zersplitterang in Einzeluntersuchungen dazu führt, den Zusammenhang mit der Gesammtaufgabe der Wissenschaft zu übersehen und zu vernachlässigen. In allen Gebieten des Wissens ist emsige Detailforschung, Arbeitsteilung bis in's Kleinste Bedingung jeden Fortschritts, aber ein Ueberblick über die Ausdehnung, die Aufgaben und Ziele einer Wissenschaft, eine klare Vorstellung von dem Zusammenhang der einzelnen Zweige derselben mit einander und mit dem Ganzen ist jedem Forscher, wenn anders die Einzeluntersuchungen nicht in geistlose und einseitige Kleinmeisterei ausarten soll, unerlässlich. Nicht ist es zutreffend, wenn Du Bois- Reymond) sagt, dass es ebenso im Betriebe der Wissenschaft wie in dem einer Fabrik, Leute am Schraubstock geben könne, die vortreffliche Dienste leisten, wenn sie auch nicht wissen, was aus dem Stück wird; die Wissenschaft ist eben keine Mechanik, hier hat das Einzelne nur Wert in seinem Verhältnis zum Ganzen. Dass aber jene Anschuldigung auch gegen die neuere Geschichtswissenschaft mit Un- recht erhoben wird, dass Mayrs Klage, die deutsche Geschichtsforschung verbohre sich in die Tiefen des Detailwissens, wohin kein Strahl einer höheren Einsicht dringe, heute nicht berechtigt ist, zeigt ein tieferer Einblick in die moderne historische Lite- ratur. Wenn ich hier die Stellung der Geschichte innerhalb der Wissenschaften, ihre Aufgabe und Methode einer kurzen Betrachtung unterziehe, so geschieht dies nicht in der Meinung, ich könnte diese Probleme hier erschöpfend behandeln— das wäre im Rahmen einer Programmabhandlung überhaupt nicht möglich— oder zum Abschluss bringen, sondern in der Hoffnung, dass diese Blätter, welche skizzenartig die Studien wiederspiegeln, in denen ich mir Rechenschaft zu geben suchte über die Stellung meiner Detailforschungen zur Gesammtwissenschaft, die in der geschichtlichen Welt herrschenden und sich bekämpfenden Gedankenströmungen in grossen Zügen wiedergeben und auch Nicht-Fachgenossen einen Blick in die Werkstätte geschichtlicher Forschung gewähren können. Dass ich dabei auf Vollständigkeit verzichten muss und manche auch der tief- einschneidendsten Fragen nur streifen kann, wird Niemand als ein oberflächliches Hin- wegeilen über Schwierigkeiten deuten, sondern als eine durch die Umstände gebotene Kürze entschuldigen.
Auch die Wissenschaften haben Perioden der Blüthe und des Absterbens, das Interesse an denselben ist ein wechselndes, wenn sie auch in Form und Inhalt dieselben bleiben, und dass heute die Geschichte in dem Vordergrund des wissenschaftlichen Inseresses steht, hat darin seinen Grund, dass sie, seitdem sie eine Wissenschaft ge- worden, für ihr Theil dazu beiträgt durch gesichertes Wissen Licht und Freiheit zu verbreiten und veraltete Vorurteile zu vernichten. Während im 15. und 16. Jahrhundert die
1¹) Wissenschaftl. Zustände der Gegenwart. D. Rundschau, 1882, 8, p. 267 ff.


