Aufsatz 
Die Real- oder höhere Bürgerschule und die Volkswirtschaft / von Chun
Entstehung
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daß Bildung ſo gut eine Lebensfrage für ihn iſt, wie das Zuſtrömen des Kapitals. Kapital und Bildung ſind die beiden Faktoren der neuern Induſtrie nicht blos, ſondern der auf der neuern Induſtrie baſirten modernen Geſammtent⸗ wickelung in humaner und bürgerlicher Hinſicht. Der größte Theil des deutſchen Handwerkerſtandes weiß recht wohl, daß er ſeine Bewegung und ſein Gedeihen nicht loslöſen kann und darf von den Exiſtenzbedingungen der übrigen Stände. So wird er die Aufgabe löſen, ſich als das werthvoolle Glied des deutſchen Mittelſt andes, als den Träger der humanen und bürgerlichen Entwickelung unſerer Nation zu erhalten.

Daß unſer Mittelſtand einer tieferen geiſtigeren Erfaſſung ſeines Berufslebens dringend bedürftig iſt, damit die Arbeit von größerer geiſtiger Anſtrengung begleitet ſei, ſich zu einer ſittlichen That ſteigere, ſodaß jeden Arbeiter, den mit der Materie beſchäftigten ſowohl, wie den Geiſtesarbeiter das Bewußtſein begeiſtere, daß er nicht blos für ſich und die Seinen, ſondern zugleich auch für die Nation arbeitet, um die Grundlage unſerer Volksperſönlichkeit ge⸗ ſtalten zu helfen: iſt von Profeſſor Riehl in ſeinem leſenswerthen Buchdie deutſ che Arbeit ausgeführt worden.

Zu der von Schultze⸗Delitſch für unſere gewerbliche Jugend empfohlenen humanen und bürgerlichen Bildung wird, wie wir geſchichtlich nachgewieſen haben, in den Realſchulen der Grund gelegt; alle Veranſtaltungen dazu für bereits im Geſchäftsleben ſtehende Jünglinge ſind nur als dürftige Surrogate zu erkennen und können vielfache Bedenken erregen. Die Real⸗ ſchulen unſeres Landes ſchließen ſich ſo eng als möglich an die lokalen Bedürfniſſe an; das dringendſte iſt aber, daß das Verſtändniß von der Nothwendigkeit einer intenſiv zu ſteigernden Geſchäftstüchtigkeit ſchon in der Jugend geweckt werde. Daher ſind die Lehrpläne unſerer Real⸗ ſchulen mannigfaltig und es ſoll die Methode anregend, aufſtachelnd, vorwärtstreibend ſein, da⸗ mit Hand, Auge, Ohr und Zunge geübt und dem geiſtigen Leben dienſtbarer werden als bisher geſchah. Die Sprache ſoll flüſſig gemacht werden, Sprachen, Naturwiſſenſchaften, Geſchichte und Geographie in den Vordergrund treten gegen die mehr ordnenden Fächer der Mathematik und Grammatik. Denn die Schule muß Kräfte bilden, die das Geſchäftsleben heben, die ſich vor Vielgeſchäftigkeit und nichtsſagender kräftezerſplitternder Vielthuerei hüten, weil wir geſpannte und intelligente Arbeitskräfte brauchen. Die ſittlichen Triebfedern ſind ſchlaff geworden, daher die geringe Werthſchätzung der Bildung überhaupt und die Jagd nach Zügelloſigkeit, der Mangel an Pietät gegen Familie und Schule, der ſchmerzlich vermißte Sinn für wahre Volksehre. Die Realſchule muß daher nicht nur zur Arbeitſamkeit, ſondern auch zur rationellen Arbeitstüchtigkeit bilden: ſie ſoll neben dem Bisherigen auch die einfachen Prinzipien einprägen, worauf die wirth⸗ ſchaftliche Wohlfahrt des Einzelnen ſowohl wie diejenige der menſchlichen Geſellſchaft ruht. Vielleicht wird es dann beſſer in engeren und weiteren Kreiſen.

Ein Lehrer, der ſich mit der Volkswirthſchaft bekannt gemacht hat, wird in ſeinem Unterricht, welcher es ſei, vielfache Gelegenheit finden, wo er auf volkswirthſchaftliche Thatachen verweiſen kann. Der naturgeſchichtliche Unterricht kann die nützlichen Thiere, Pflanzen und Mineralien hervorheben, ihre Produktion und Conſumtion beſprechen. Neben dem unabläſſigen Bemühen um die Syſtematik ſollte man der geographiſchen Verbreitung der Thiere und Pflanzen mehr Fleiß zuwenden und nach Humbold's Wortneben dem unausgeſetzten Beſtreben nach Verall⸗ gemeinerung der Begriffe immer durch Anführung einzelner Beiſpiele in das Beſonderſte der