Aufsatz 
Die Real- oder höhere Bürgerschule und die Volkswirtschaft / von Chun
Entstehung
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befreit geblieben, welche die Fabrikinduſtrie unvermeidlich auf die Bevölkerung wirft: Vergröße⸗ rung des Ppooletariats, weil ſich die beſitz⸗ und ausſichtsloſen Fabrikarbeiter um ſo raſcher vermehren, je weniger nach ihren Begriffen zum Unterhalt einer Familie gehört; daß dieſes Proletariat zu erner totalen Abhängigkeit von der verhältmäßig geringen Zahl ſeiner Herrn verdammt iſt, indem dieſe die ungünſtigen Conjuncturen aushalten können, während die Arbeiter meiſt von Hand zu Mund leben; daß die Familienbande gelockert und die Maſſen entſittlicht werden, weil die ganze Familie in der Fabrik arbeitet, wodurch der Mann aufhört, der Ernährer zu ſein und ſeine väterliche Autorität ihre natürliche Grundlage verliert; die Frau iſt denſelben Geſchäften hingegeben wie der Mann; die Kinder, zuerſt als Werkzeuge mißbraucht, werden früh ſelbſtſtändig, ehe ſie dazu reif ſind. Die Wirthshäuſer gleichen in Fabrikſtädten Paläſten, wo Männer, Frauen und Kinder Erſatz für die verödeten Wohnungen in Folge der Lockerung aller Familienbande ſuchen. Hieraus folgt die Vernachläſſigung ganz kleiner Kinder, von denen in Mancheſter z. B. 3000 in einem Jahre auf den Straßen gefunden und polizeilich ihren Eltern wieder zurückgeliefert wurden: kurz dieſer Rückfall in barbariſche Zuſtände preßt engliſchen Volksfreunden, z. B. dem berühmten National⸗ ökonomen John Stuart Mill, das Geſtändniß ab, es ſei zweifelhaft, ob alle mechaniſchen Er⸗ findungen die Tagesmühen irgend eines menſchlichen Lebens erleichtert hätten, trotz des großen dadurch erworbenen Nationalvermögens. Vor ſolchen Zuſtänden ſind wir bis jetzt bewahrt ge⸗ blieben; der Handwerkerſtand bildet bei uns immer noch den Kern des Mittelſtandes, während ſich anderwärts der Fabrikherr eben ſo hoch über den Mittelſtand erhoben hat, wie der prole⸗ tariſche Fabrikarbeiter unter denſelben herabgeſunken iſt. Die Fabrik hat aber das Handwerk aus vielen Induſtriezweigen verdrängt, der Handwerkerſtand iſt auch bei uns vielfach in ſeiner Selbſtſtändigkeit bedroht, wenn er ſich nicht auf das vor der Fabrik geſicherte Terrain flüchtet und alle Mittel ergreift, welche ihm die Wiſſenſchaft und edle Menſchenfreunde empfehlen, um eine würdige ſociale Stellung zu behaupten.

Das Handwerk hat einen vor der Concurrenz mit den Fabriken geſicherten Boden: in den Reparaturgewerben, da ſich keine Fabrik mit Reparaturen, ſelbſt ihrer eignen Fabrikate, befaſſen kann. Trotz aller Gewehr⸗ und Uhrfabriken werden Büchſen⸗ und Uhrmacher ſtets Be⸗ ſchäftigung finden. Die meiſten Handwerke ſind auf den Localverkehr berechnet, wie Glaſer, Ofenſetzer, Schloſſer, Schornſteinfeger u. a. Die Fabrikwaare trägt immer den Stempel der Einförmigkeit; wer daher ein vor Dieben geſichertes Schloß haben will, muß zum Meiſter Schloſſer gehen. Rein perſönliche Dienſte kann die Fabrik nicht leiſten, wie die der Friſeure, Barbiere. Nahrungsmittel für den täglichen Conſum, welche ſchnell vergänglich ſind, liefern Metzger und Bäcker. Schneider und Schuhmacher ſind an größeren Orten ſchon genöthigt, mit Schuh⸗ und Kleidermagazinen zu concurriren oder für ſolche zu arbeiten. Dieſe ſpeculiren auf größeren Abſatz, auf den Fremdenverkehr und erweitern ſo den Markt. Bei den Bauhand⸗ werkern iſt der erweiterte Betrieb durch ſog. Maurer⸗ und Baumeiſter, welche mit größeren Kapi⸗ talien Geſellenſchaaren unter ſich vereinigen und auch auf Speculation bauen, faſt überall ein⸗ geführt; im Ganzen werden aber die Geſchäfte des Maurers, Zimmermanns und Bauſchreiners dem Handwerk verbleiben. So haben die Handwerke immer noch einen breiten Boden im Volksleben. In Ländern mit hochentwickelter Fabrikthätigkeit, z. B. in Sachſen, kommen auf 135,328 Fabrikleute 228,326 Handwerker, die ſich mit Herſtellung und Beſchaffung von Nah⸗ xungsmitteln, Anfertigung von Kleidern, Herſtellung und Ausſtattung von Wohnungen beſchäf⸗