Aufsatz 
Die Real- oder höhere Bürgerschule und die Volkswirtschaft / von Chun
Entstehung
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vor ſich hat, welche die unteren Klaſſen durchgemacht haben und auch nach der Konfirmation noch den Unterricht fortgenießen. Ungeduldige Väter und Schüler glauben wohl, daß mit der Konfirmation die Schulbildung abzubrechen ſei; wer aber unſere Verhältniſſe ruhig betrachtet, kann ſich unmöglich vor der Ueberzeugung verſchließen, doß es nicht ſowohl die Fachbildung iſt, welche heutzutage den Bürger allein vorwärts bringt, as die allgemeine Bildung, welche ihm im Geſchäft und im Leben diejenige geiſtige Gewandtheit und Tüchtigkeit verleiht, vermöge welcher er überall nicht als Maſchine, ſondern als intelligenter und ſtrebſamer Mann auftritt. Ein Krämerslehrliug, welcher frühzeitig die Schule verließ, verſteht vielleicht mehr vom Geſchäft als der gebildete Jüngling, welcher ſeine Schulbildung zum Abſchluß brachte und einige Jahre ſpäter in die Lehre trat; aber wie ſieht es dann aus? Jener bleibt ewig ein Krämer, dieſer eignet ſich die Geſchäftsbildung leichter als jener an, hat außerdem einen inneren Schatz allgemeiner Bildung, welcher ihn befähigt auch in größere Geſchäfte einzutreten, in der Fremde Erfahrungen zu ſammeln ſich mit Leichtigkeit in die verſchiedenſten Zweige der Praxis einzuarbeiten, in höhere Geſellſchafts⸗ kreiſe einzutreten und jedenfalls ein tüchtigeres Mitglied der bürgerlichen Geſellſchaft zu werden, während der Krämer eben immer ein Krämer bleibt. Der volkswirthſchaftliche Unterricht nützt dem Ungebildeten gar nichts, weil er auf dürren Heideboden fällt, worauf nur Vorurtheile und engherziges Streben wuchern, während die allgemeine Bildung wie ſie von der Realſchule erſtrebt wird, einem Strome befruchtender Gedanken, ſittlicher Ordnungen und ewiger Geſetze vergleich⸗ bar iſt, welcher durch die Volkswirthſchaft in die richtigen Lebensbahnen geleitet und einge⸗ dämmt wird. Jünglinge mit dieſem Bildungsſchatze ausgerüſtet werden ſich im Strome der Verhältniſſe nicht erdrücken laſſen, ſondern in ſich die nöthige Widerſtandskraft beſitzen, um ſich im Leben vor verderblichen Verirrungen und hemmenden Vorurtheilen zu bewahren. Die ge⸗ werblichen Verhältniſſe der Neuzeit haben eine ſolche Geſtaltung angenommen, daß unſere Ueber⸗ zeugung von der Nothwendigkeit allgemeiner ſowohl, als auch praktiſcher Bildung für den Bür⸗ gerſtand noch mehr befeſtigt wird. Verweilen wir einen Augenblick bei dieſen Verhältniſſen.

Unſer Heimathland Naſſau iſt reich an Naturprodukten; eine Fülle von Rohprodukten wird ausgeführt. Es gehört hinſichtlich ſeiner gewerblichen Geſetzgebung zu den in Deutſchland am meiſten fortgeſchrittenen Staaten: Monopole, Privilegien und Zunftzwang ſind beſeitigt, da⸗ für wurde Gewerbefreiheit eingeführt, die Niederlaſſung erleichtert, Flüſſe wurden ſchiffbar ge⸗ macht, Häfen gebaut, Straßen angelegt und ein Eiſenbahnnetz gelegt, Credit⸗ und Unterſtützungs⸗ kaſſen beſtehen, die öffentlichen Unterrichtsanſtalten ſind bedeutend erweitert worden, der Gewerbe⸗ und der landwirthſchaftliche Verein werden vom Staate unterſtützt, eine Ausſtellung heimiſcher Produkte ſteht in Ausſicht.

Die geographiſch-günſtige Lage des Landes ladet zu allſeitiger Ausbeutung ſeines Natur⸗ reichthums ein. Die Induſtrie iſt noch unbedeutend, unſere Gewerbe ſind meiſt Kleingewerbe, auf den Lokalverkehr berechnet. Fabriken können natürlich nicht überall errichtet werden, ihr Mangel ſoll auch nicht beklagt werden. Es ſcheinen bei uns zur Zeit noch die Bedingungen zur Anlegung von Fabriken zu fehlen: bedeutende Kapitalien, wiſſenſchaftliche Techniker, beſonders aber ein dürftiger zahlreicher Arbeiterſtand, der in ſtrenger Subordination und ohne viel Aus⸗ ſicht auf Beförderung zu dienen bereit iſt. Nur an einzelnen Orten haben wir ein Proletariat, welches für Rohſtoff, Werkzeug und Unterhalt keine Auslagen machen kann und deshalb in Fa⸗ briken ſeine Zuflucht ſuchen muß; die Maſſe unſerer Bevölkerung hat bis jetzt im Grundbeſitz, im Gewerbe und Kleinhandel ihr Unterkommen gefunden. So ſind wir auch von den Schatten