Aufsatz 
Die Real- oder höhere Bürgerschule und die Volkswirtschaft / von Chun
Entstehung
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Wie die Natur die Dienerin Gottes im Großen iſt, ſo ſoll ſie die Dienerin des menſchlichen Geiſtes im Kleinen und Einzelnen ſein.

Das Bedürfniß volkswirthſchaftlicher Belehrungen kommt in unſerer induſtriel regſamen Zeit täglich mehr zur Geltung: land⸗ und forſtwirthſchaftliche und Gewerbevereine, Congreſſe, öffent⸗ liche Vorträge in größeren Städten, volkswirthſchaftliche Zeitungen und eine Anzahl mehr oder weniger populär gehaltener Schriften verbreiten die Volkswirthſchaft.

Eine der vorzüglichſten dieſer Schriften iſt dieNationalökonomie von Schäffle(Leipzig bei Spamer), auch zum Gebrauch in Handels⸗ und Realſchulen beſtimmt. Der Verfaſſer ſchränkt ſich mit der Entwickelung der Begriffe auf das Knappſte ein, begnügt ſich nicht ſelten mit An⸗ deutungen, vermeidet die ſchulmäßige Sprache und macht dem gemeinen Sprachgebrauch Conzeſſionen, drängt das reiche Material auf eine handliches Format zuſammen, ohne Wichtiges zu übergehen oder der Wiſſenſchaft zu nahe zu treten. Als ſelbſtſtändiger Forſcher mit feſtem eignem Stand⸗ punkt, dabei die Arbeiten Roſchers und Steins benutzend, verlangt er ernſte Leſer und verſpricht ſich nur bei ſtrengem Nachdenken über den wirthſchaftlichen Lebensprozeß der Menſchen fruchtbare Klarheit. Die Volkswirthſchaft ſoll ihm keinevulgäre Nippſache werden. Eine gleich erfreuliche Erſcheinung iſt dieVorſchule der Volkswirthſchaft für das deutſche Volk von Robotsky, frei bearbeitet nach Baſtiat(Berlin bei Förſter). Baſtiat hatte ſeine Polemik gegen den verderblichen Socialismus in Frankreich gerichtet und die Wiſſenſchaft durch ſeine Theorie des Werthes und der Bodenrente bereichert, ſich durch ſeine Harmonies économiques den Namen eines gefeierten Schriftſtellers erworben. Robolsky's Buch iſt aus Vorträgen hervorgegangen und erfreut durch eine ungemein friſche und einfache Darſtellung. Es führt in anziehenden Bildern das induſtrielle und merkantile Treiben der Nationen vor, wobei die nationalökonomiſchen Bilder aus Englands Volksleben von Schulze, die Schilderung ſchweizeriſcher volkswirthſchaftlicher Zu⸗ ſtände von Emminghaus benutzt worden ſind. Der erſte Band von Max Wirth's National⸗ ökonomie iſt ſehr geeignet in das Studium der Volkswirthſchaft einzuſühren, beſonders die Ein⸗ leitung und die Geſchichte der Volkswirthſchaft, obſchon uns die ſchonungsloſe Verurtheilung Karl's V., den er als den Schöpfer des Merkantilſyſtems darſtellt, nicht gefiel; denn wir können die volkswirthſchaftlichen Syſteme nicht als Werke Einzeluer, und ſeien es ſelbſt Herrſcher in deren Staaten die Sonne nicht untergeht, erkennen, ſondern müſſen ſie als die Formen der herrſchenden Handelspolitik betrachten, welche als ſolche das Bedürfniß der Zeit befriedigen. Ueberhaupt haben wir uns vor dem methodiſchen Irrthum zu hüten, welcher in manchen Werken vorherrſcht, die wirthſchaftlichen Erſcheinungen nach einem idealen Syſteme zu meiſtern. Volk⸗ wirthſchaftliche Belehrungen als vage Ausläufer irgend einer idealen Theorie müſſen geradezu ver⸗ worfen werden. Hierbei können nur die Fragen:Was iſt? Was iſt geweſen? Wie iſt es ſo geworden? geſtellt und objektiv geſchichtlich beantwortet werden. Roſcher ſagt:daß die wirklichen Bedürfniſſe eines Volkes auf die Dauer regelmäßig auch im Leben durchdringen.

Roſchers Werke verlangen natürlich ein anhaltendes Studium, beſonders ſein Handbuch; als Vorbereitung dazu mag man ſeine kleineren Schriften, dieAnſichten der Volkswirthſchaft und ſeineColonien, Colonialpolitik und Auswanderung, ſtudiren.

In deutſchen Schulen wird die Volkswirthſchaft bis jetzt nicht gelehrt, ausgenommen in einigen Handelsſchulen, ſo z. B. in der Frankfurter von Herrn Direktor Rörich. In England hingegen iſt die Nothwendigkeit volkswirthſchaftlicher Bildung für Jedermann ſchon ſeit Jahren erkannt worden. Es iſt dort ohne Kenntniß der Volkswirthſchaft beinahe unmöglich an der Unter⸗