Aufsatz 
Die Real- oder höhere Bürgerschule und die Volkswirtschaft / von Chun
Entstehung
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Princip einer guten Schule iſt, wie oben berührt worden, geiſtige und moraliſche Kraftbildung zu erzielen und nicht blos Kenntniſſe und Fertigkeiten aufzuſpeichern: das volkswirthſchaftliche Lebeu zeigt die Erfolge ausdauernder, arbeitſamer Menſchenthätigkeit und lehrt wie Intelligenz und Willeustüchtigkeit die Arbeit in produktiver Hinſicht ſteigern können. Die Geſchichte ſucht durch die Darſtellung der Thaten und Schickſale geſchichtlicher Charaktere und Völker das höhere Ziel des Menſchengeſchlechts zur Anſchauung zu bringen und namentlich vaterländiſchen Sinn zu erwecken. Man vernachläßige über dem Großen das Kleine nicht und zeige der Jugend auch den Weg, um ſich im Berufsleben wirthſchaftlich tüchtig zu erweiſen: wer ſtets in die Sonne blickt, wird blind für die nächſte Umgebung. Die literariſch⸗geſchichtliche Bildung muß ihr Gegengewicht in der techniſch⸗praktiſchen Geſchäftsbildung finden. Jede Einſeitigkeit rächt ſich durch mangelhafte Erfolge. Die Volkswirthſchaft hat weſentlich dazu beigetragen, die geiſtige Bildung vom Streben nach chimäriſchen auf naheliegende Lebensziele zu leiten; für die deutſche Jugend ſind volkswirthſchaftliche Belehrungen eine heilſame Medizin, um ſie vor idealiſtiſchen Träumereien zu bewahren und ihr den Weg zu Erfolgen im praktiſchen Berufsleben zu bahnen.

eenn wir die Forderungen tüchtiger Berufsthätigkeit allſeitig erkennen, ſo wird die Uebung praktiſcher Tugenden größere Zufriedenheit verbreiten und die Krankheiten der heutigen jungen Welt nach und nach heilen. Die Volkswirthſchaft ſyſtematiſch in unſern Realſchulen lehren

wollen, wäre ein thörichtes Unternehmen, weil ſie mit Definitionen beginnt, welche Anfangs

außer dem Geſichtskreiſe der Jugend liegen. Dann müßten Punkte berührt werden, die natur⸗ gemäß der Jugend noch fern bleiben ſollen, wie z. B. das Geſetz der Volksvermehrung, ohne welches man die Lehre vom Arbeitslohn nicht verſteht. Ganz anders aber macht ſich die Sache, wenn Darſtellungen des wirthſchaftlichen Völkerlebens das Verſtändniß des heutigen Geſchäfts⸗ lebens vorbereiten und als ſolche im hiſtoriſchen, ſowie geographiſchen Unterricht mehr als bis⸗ her berückſichtigt werden. Wird die Sache von dieſer Seite angefaßt, ſo haben wir die Billigung

verſtändiger Fachmänner und Menſchenfreunde für uns gewonnen.Warum, fragt Roſcher, ver⸗

blieb England 1848 inmitten des allgemeinen Erdbebens unverſehrt: dasſelbe England, welches doch in der Dichtigkeit ſeiner Bevölkerung, in der unermeßlichen Größe und Complicirung ſeines Verkehrs, in der Rieſenhaftigkeit ſeiner Städte vielleicht mehr ſociale Zündſtoffe beſitzt, als irgeud cin anderes Land? Dieſes ſcheinbare Wunder hat einen der wichtigſten Erklärungsgründe darin, daß ſich in England 4000 Schulen befinden, wo die Anfangsgründe der Volkswirth⸗ ſchaft gelehrt werden.

Schulze in Jena dringt in ſeinem Buche über Volkswirthſchaft wiederholt auf volkswirth⸗ ſchaftliche Jugenderziehung. Die Volkswirthſchaft ſei nicht blos für Staatsmänner, ſondern auch für diejenigen Klaſſen der Bevölkerung wichtig, welche ohne wiſſenſchaftliche Bildung leben, namentlich für den Gewerb⸗ und Handelsſtand, damit er von ökonomiſchen Vorurtheilen befreit werde, welche die Verbeſſerung ſeiner Lage hemmen und ſeinen Wohlſtand gefährden. Dahin rechnet er die Vorurtheile in Bezug auf das Recht der Arbeit, die Despotie des Kapitals, die ungerechte Vertheilung des Grundeigenthums, die Freiheit der Gewerbe, Getraidewucher und dergl. Dann wirke das volkswirthſchaftliche Studium beſonders deshalb veredelnd auf das Volk ein, weil es ſich auf den wichtigſten aller Gegenſtände, auf den Menſchen ſelbſt und beſonders auf den geiſtigen Menſchen beziehe. In der That macht die rationelle Wirthſchaft den Menſchen zu dem, was er nach Gottes Wort ſein ſoll, zum Herrſcher über die Natur: der Geiſt ſoll, nach Bacons Wort, die Naturgeſetze beherrſchen, d. h. zu ſeinen Zwecken leiten und benutzen,