Aufsatz 
Die Real- oder höhere Bürgerschule und die Volkswirtschaft / von Chun
Entstehung
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und wann ſcheiterte und wünſchen, daß die Bildung des Sohnes mehr in die Tiefe gehe: ſo rüſtet ſich auch die Realſchule in ihrem Unterrichtsmaterial mit dem Beſten aus, was die pädagogiſche Erfahrung und Wiſſenſchaft bieten, um einestheils den lokalen Bildungsbedürfniſſen zu entſprechen, anderntheils der im Fortſchritt begriffenen Entwickelung des Geſchäftslebens eine zuverläſſige Grundlage in geſunder Schulbildung zu bieten. Die Erfahrung lehrt, daß die ſich ſtets erweiternde Theilung der Arbeit die techniſchen Fertigkeiten des Einzelnen in immer engere Kreiſe zuſammenzieht, daß aber die Kenntniß des techniſchen Gebiets für Jedermann immer weiter ausgedehnt werden muß, ſo daß er im Stande iſt, je nach Bedürfniß oder Wahl, neue Erwerbszweige zu ſuchen, welche ſeine Produktionskraft vermehren können. Zu dieſer Be⸗ fähigung führt aber nicht ſowohl einſeitige Geſchäfts⸗, als allgemeine techniſche und ganz beſonders Charakterbildung. Es könnte wohl reizen, jede einzelne Beziehung, in welche unſere Schüler durchſchnittlich dereinſt treten werden und die darnach ſich bemeſſenden Bildungsaufgaben der Realſchule des Näheren zu beſprechen; wir können für jetzt von einer allſeitigen Betrachtung umſomehr abſehen, als in früheren Jahresberichten die Aufgabe der höheren Bürgerſchule vom Herrn Rector gründlich dargeſtellt wurde, namentlich auch der Werth unſerer zwei Oberklaſſen, in welchen der Unterricht mit ſpezieller Beziehung auf das künftige Berufsleben ertheilt werden ſoll. Was in dieſer Beziehung der verſtändigen Beachtung der Bürgerſchaft bereits empfohlen worden, möchten wir ergänzend in das Gedächtniß zurückrufen, indem wir uns die Frage vorwerfen: Welches Element muß der Unterricht in Real⸗ und höheren Bürgerſchulen mehr als bisher pflegen, um den Schülern das Verſtändniß des bürgerlichen Geſchäftslebens zu erleichtern? Wer ſich allſeitig unterrichtend in einer Realſchule bewegt hat und dabei die verſchiedenen Unterrichtsfächer zuſammenfaſſend prüfte, ob ſie im Stande ſind, ſich zu einem harmoniſchen Bildungsganzen zu fügen) genügend, dem bürgerlichen Leben die geiſtige Unterlage zu bieten, kann ſich unmöglich vor der Ueberzeugung verſchließen, daß ein belebender Faktor fehlt, welcher jedes einzelne Element dieſer ziemlich complicirten Verbindung von Unterrichtfächern in ſeine vortheilhafte Beleuchtung ſtellt. Wir mußten bisher der praktiſchen Lebenserfahrung die Werth⸗ ſchätzung deſſen überlaſſen, was die Schule im Ganzen und Einzelnen geleiſtet hat; glauben aber, daß unſere Schüler zum beſſeren Verſtändniß ihrer Arbeit in und für die Schule, ſowie zur Einſicht von der Nothwendigkeit erweiterter Schulbildung gelangen, wenn ihnen das wirthſchaft⸗ liche Leben der Neuzeit geſchichtlich und geographiſch erklärt wird. Der fehlende Faktor in unſerm Unterricht wäre ſonach die Volkswirthſchaft. Um jedoch von vornherein irrige Auffaſſungen abzuweiſen, ſo wollen wir die Zahl unſerer Unterrichtsfächer nicht um ein neues vermehren, ſondern neben bisher vorzugsweiſe betonten Geſichtspunkten auch den volkswirthſchaftlichen im Unterricht zur Anerkennung bringen. Die Volkswirthſchaft ſoll alſo nicht als Wiſſenſchaft mit ihrem Apparat abſtrakter Definitionen und techniſch⸗praktiſcher Theorien gelehrt, ſondern das wirthſchaftliche Leben der Völker in populärer Weiſe unſern Schülern zur Anſchauung gebracht werden, woraus ſie die Grundbegriffe der Volkswirthſchaft von ſelbſt abſtrahiren können. So werden ſie in den verſchiedenen bürgerlichen Berufsarten einigermaßen orientirt, werden die Elemente kennen lernen, worauf das irdiſche Wohl des Einzelnen wie das des ganzen Volkes und die Sicherheit der Staaten ruht, das Bedürfniß gründlicher Schulbildung beſſer erkennen und ihr ſpäteres Berufsleben von vornherein mit größerem Verſtändniß als bisher anfaſſen.