Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 4. Teil.
(Schluß.)
Entstehung
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feinen Schattierungen, welche den echten Balladenton von dem nachge- machten und gekünstelten unterscheiden, zeigt jedes gute Gedicht dieser Art; am besten weisen sie natürlich Meisterwerke unserer Balladendichter auf. Es lässt sich dies nicht bis ins Einzelne nachweisen; ein Wort, eine Satzstellung verändert, und die Wirkung verschwindet! Es ist auch hier der Griff des Genius, der unbewusst das Rechte trifft. Die herrliche Rhythmik in Albert Mösers Ballade zeigt den Meister der Form(Aus der Mansarde 5. Sammlung:Kyrsas,Die Milesierin). Inhalt und Form decken einander in vollendetster Weise. Der getragene Balladen- stil verlangt eine sorgfältige rthythmische Bildung, und mit Recht ist bemerkt worden, dass die rhythmische Pflege sorgfältig gewahrt werden soll, seitdem dasJunge Deutschland zu sehr zu halbprosaischen Versen auch hier hinneigte.

Wie herrlich hat Alexander Graf von Württemberg in der kräfti- gen BalladeDes Kürassiers Gang zum Tode die rhythmische Gestal- tung getroffen! Der volksthümliche Ton und die ganze kecke Behandlung dieser Ballade machen sie außerdem noch zu einem Muster der Gattung. Andererseits versteht es Edward Wechüler in seinen Balladen und Nord- landsgesängen oft durch einen Anklang an die Nibelungensprache dem Gedanken eine eigenthümliche Färbung zu geben wie Meister Uhland. In dem BalladenkranzHerwor, die Maid von Munarwag verwendet er mit Glück neben dem Reim die Alliteration. Der Vergleich der Balladen- dichter aus Platens Schule, was die Schönheit des Versbaues betrifft, ist lehrreich. Es gehören hieher Moriz Graf Strachwitz, Hugo von Blom- berg, Wolfgang Müller von Königswinter und Bernhard Endrulat. Wie viele schöne Balladen(z. B. W. Meinholds Dichtungen) sind trotz ihrer kräftigen und originalen rhythmischen Sprache jetzt vergessen!

Gustav Portig in dem AufsatzeKleinigkeiten in der Kunst macht die Bemerkung, dass in der Kunst auch das Geringfügige und Untergeordnete seine wesentliche Geltung habe. Der Laie, meint er, würde in GoethesErlkönig als richtigere LesartEs ist ein Vater mit seinem Kind erkennen, während der feinsinnige Kenner der Ly- rik, speciell der Ballade fühlen dürfte, dass durch die Vertauschung des Artikelsder mitein der Duft des kostlichen Gedichtes zer- stört werde und der Balladenton in den Bänkelsängerton umschlagen würde. Die deutsche Ballade liebt keinen Strophenreichthum, sie fasst sich kurz im Gegensatz zur englischen Ballade.*)

-²) Ch. Kingsley hat in seinen GedichtenDer schlimme Gutsherr,Die drei Fischer,Das Lied vom kleinen Baltung für die Ballade Großes geleistet. Aber es ist eine Eigenthümlichkeit der englischen Balladen, dass sie sehr lang sind. Ein halb hundert Strophen sind nicht selten. Das letzte GedichtDas Lied vom kleinen Baltung hat 42 Strophen; und doch, sagt Weitbrecht, schreibt kein Dichter der Gegenwart ein Gedicht, das von der ersten bis zur letzten Zeile so fesselt nnd so das Leben im Jahre des Heils 395 n. Chr. in Versen verdichtet wie diese Ballade Kingsleys. Graf A. PFr. v. Schack sagt:Es ist sicher Unverstand, Balladen, die nicht halb so lang sind wie dieBraut von Korinth, wegen ihrer Länge zu verschreien. Die längste meiner Balladen ist kaum ein Drittel so lang wie BürgersLenore, und selbst der so knappe Uhland hat längere. Eine Frage, über die sich ganze Bände schreiben ließen, ist die nach dem für eine Pro- duction aus den verschiedenen Fächern der Poesie passenden Umfang. Allerdings ist die Länge einer Dichtung kein Maßstab für ihren Wert. Dabei bleibt es aber immerhin Grund-