Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 4. Teil.
(Schluß.)
Entstehung
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Nicht selten ist versucht worden, durch alterthümliche Sprache die kindliche Naivität des Volksliedes in der Ballade nachzuahmen. Bei solchen Stoffen, die diese alterthümliche Färbung vertragen, kann dies allerdings gebilligt werden. Simrock bemerkt p. XXXIII. in seiner Uber- setzung des Nibelungenliedes: Das beste Muster einer dem Mittelhoch- deutschen angenäherten und doch mit alterthümlichen Anklängen nicht überladenen Sprache schienen mir Uhlands Romanzen darzubieten. Tiecks Behandlung dünkte mich zu gewaltthätig, und namentlich enthalten seine Romanzen von Siegfried Freiheiten, die weder die heutige noch die ältere deutsche Sprache verstattete.

Von großem Einfluss auf das Schwanken im NamenBal- lade undRomanze war die Musik. Die Ballade gab auch der Musik einen reichen Stoff zur Anregung gleich vom Anfange ihres Wiederauflebens. Der Berührungspunkt der Poesie und Musik liegt in der Erregung von Stimmungen. Die Macht, Stimmungen zu er- regen, ist der Poesie im hohen Grade eigen und zwar nicht bloß der lyrischen, die ja reines Stimmungsbild ist, auch der epischen und dra- matischen. Von der Ballade sagt Ambros, Grenzen der Musik und Poesie S. 86, sie stehe mit ihrem Erregen einer Stimmung so sehr auf dem eigenthümlichen Grund und Boden der Musik, dass man sie im höchsten Grade musikalisch nennen muss, und dass jede Composition derselben fast als Tautologie, wenigstens als Uberfluss erscheint.

Die Gattung der durchcomponierten Ballade, bei welcher die Musik der einzelnen im Text geschilderten Situation illustrierend folgt, datiert von den Dichtungen G. A. Bürgers, welche zuerst den Tonsetzern die Anregung gaben. Johann André bearbeiteteDie Weiber von Weins- berg als durchcomponierte Ballade; er ist der Vater dieser Kunstgattung; auch dieLeonore behandelte er wie später Tomaschek.Wie weiland die Urur-Großeltern an den endlosen Romanen derAsiatischen Banise, Die Syrerin Aramena,Sophiens Reise von Memel nach Sachsen keinen Anstoß nahmen, die mit polyhistorischem Inhalt gestopft waren, so halfen diese weitläufigen Balladen dem schlichten Bürgerhaus die Oper ersetzen. Philipp Spitta hat in seinem gehaltvollen Aufsatze (Deutsche Rundschau Band LXXVI. S. 420 fg.) ausführlich die musika- lische Ballade gewürdigt.Ballade in der Dichtkunst und Ballade in der Musik sind Begriffe, die sich nicht vollständig decken. Diese setzt jene voraus, ist aber doch über sie nach mehr als einer Richtung hin- ausgewachsen, wie solches in anderer Weise bei der Romanze geschehen ist. Den Musikern war in der Ballade eine neue Form geboten, die sie wohl reizen konnte, der sie aber mit ihren damaligen Kunstmitteln nicht gerecht werden konnten. Spitta bemerkt S. 426:Als sich im Wesen der Romanze durch Mozart ein starker Umschwung vollzog, ist dieser nicht von der poetischen, sondern von der musikalischen Seite ausgegangen. Die Romanzencompositionen Mozarts wirkten auch auf die gesungenen Romanzen in den Opern ein. Nachdem man angefangen hatte, die Ro- manze vorwiegend ernsthaft zu nehmen, war es bei dem erzählenden

gesetz für die Ballade, dass sie knapp sein soll. Die Ballade von Axel Thordson und Schön Walborg hat an 200 Strophen und ist eine der trefflichsten der mittelalterlichen nordischen Balladendichtung.Oft bricht ein zarter Gedanke durch das Reckenleben wie durch Felsen ein Sonnenstrahl, sagt Wilhelm Grimm.