Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 4. Teil.
(Schluß.)
Entstehung
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meiden, diese gibt ihr nicht Reiz und Leben, sondern macht sie monoton und langweilig.Der Dichter der Ballade muss ein Verdichter sein. Die zahllos zerstreuten Elemente, wie sie der Stoff bietet, müssen zu einer poetischen Quintessenz verdichtet werden. Wucht und Kraft ist nur mit conciser Form vereinbar. Man vergleiche BöttgersPausanias und denFall von Babylon mit Hermann LinggsPausanias und Heines Belsazar. Der dramatische Zug in der Führung der Handlung darf nicht fehlen, so wenig wie die Poesie des Wortes und der Zauber der Spra- che, d. i. jene Gewalt der Sprache, die mit jedem Worte gestaltet. Bild- lichkeit und Klangfülle muss entfaltet werden; dabei muss sich der In- halt wie von selbst in die Form schmiegen, er muss wie durch Natur- gewalt mit ihr geworden sein. Nie darf die Zeichnung durch das Colorit ersetzt werden.

Das Gesetz der künstlerischen Perspective gilt auch für die Bal- lade. Der Stoff ist es nicht, es ist die Behandlung, welche maßgebend ist. Die Gestalten und ihr Handeln dürfen nicht als ein vereinzelter Vorgang unmittelbar vor unser Auge gerückt sein, sie müssen einen Hintergrund bekommen, sie müssen aus diesem Hintergraunde hervor- treten als ein mit ihm im Zusammenhange Stehendes. Dadurch erst wird das Bild poetisch ergreifend und wertvoll. Die älteren Asthetiker nannten diesen Hintergrund die Idee. Jordan zeigt in seinen Episteln und Vorträgen, wie der Dichter den Leser zwingt, mit seinen Augen oder mit den Augen einer seiner Gestalten den Helden oder die Heldin zu sehen, indem er die Empfindung schildert, die der Anblick der letzte- ren erregt. Die Darstellung deutet nur die Umrisse an, der Leser oder Hörer modelt sich mit seiner Phantasie die Gestalten; gerade diece An- regung zur eigenen Thätigkeit der Phantasie ist eine Hauptaufgabe der epischen Poesie*).

K. F. Meyer drückt eine schnelle Aufeinanderfolge von Handlun- gen durch strenge Kürze in Satz und Ausdrucksweise aus. SoDie ster- bende Meduse,Der Ritt in den Tod. Form und Ausdruck geben nur das Nothwendigste. Der Contrast ist in der Ballade eines der stärksten und häufigsten Mittel. So ist inConradins Knappe in den Contrast zwischen den Hoffnungen des Knappen und ihrer Erfüllung und in das leichtere Missgeschick des Knappendas schwere welthistorische Schick- sal des jungen Staufen gelegt, eine vollendete Nebenscene eines ge- waltigen Dramas! Ein Knechtlein kommt herüber. Gib Bescheid: Der Staufenknabe thront in Herrlichkeit?Ja, Herr. Er litt gemach

*) Felix Dahn beschreibt in seinemRolandin Jolanthens Schönheit in einer Weise, wie sie Lessing imLaokoon verboten hat; sie hat in mancher weniger gelungenen und längeren Beschreibung mittelalterlicher Erzähler ihr Vorbild. Dahn lässt den singenden Roland am Schluss ausrufen:

Jedoch es kann mein Sang nicht glücken. Die Rose sollst du nicht zerpflücken

Und nicht bewundern Theil um Theil.

Ihr Ganzes ist Vollendung nur,

Drum schweig' ich still und ruf' nur: Heil, Du Gottes schönste Creatur!