Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 4. Teil.
(Schluß.)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

13

man beruft sich dabei auf ein Wort Goethes, das Gefühl des Wassers, das, was uns im Sommer zum Bade lockt, darstellen. Eine Grundidee oder ein Grundgefühl hat wohl jedes Gedicht, aber man wird doch nicht meinen, dass der Dichter die oft banale Wahrheit eines allgemei- nen Satzes oder irgend ein dunkles Gefühl darstellen will, das kann doch nicht die Brutwärme eines Gedichtes sein. Viehoff meint freilich, nicht die Bedeutung dieser Grundgedanken an sich war es in den Balla- den, was den Dichter für seinen Stoff erwärmte, sondern die Freude am Aufgehen des Stoffes in der Form. Das wure eine sonderbare Dichter- freude, mit ihr wären nicht so edle Kunstwerke entstanden, wie die Schiller'schen Balladen sind. Der wahre Dichter beginnt mit dem Bilde, das in voller Anschaulichkeit als ein seelenvolles vor seinem geistigen Auge steht, und selbst wenn ein solcher Grundgedanke, ein solches Grund- gefühl nicht vorhanden wäre, so würde höchstens das dritte Merkmal des Kunstwerkes neben der Einheit und Mannigfaltigkeit die Lösung fehlen; das Thatsächliche, Stoffliche des Kunstwerkes könnte aber den- noch eine Selbständigkeit und Lebendigkeit haben, die es noch als ein Schönes bestehen lässt. Man muss sich an der Schönheit des Kunst- werkes erfreuen, ohne zu fragen, welche Tendenz es verfolgt, welche Moral daraus hervorgeht*). Alle echte Poesie ist ihrer Natur nach naiv, uud wäre der Gegenstand derselben nôch so erhaben und ernst. Freilich muss von Seite des Hörers oder des Lesers ihr auch eine ebenso un- befangene Auffassung entgegengebracht werden.

Die Frage nach der Grundidee einer solchen Ballade ist daher immer ein hohles Unternehmen, eine abstracte Wahrheit als Zweck poe- tischer Mittheilung hinstellen zu wollen, wie schon Schopenhauer II. 48 sich darüber lustig macht.

Allerdings wird man bei einem Gedichte angeben können, um was es sich handelt. So kann man beimErlkönig sagen: Das Grauen- volle der nächtlichen Naturerscheinungen in einer öden Gegend und seine Wirkung auf das menschliche Gemüth wird in diesem Gedichte in einem Bilde gezeigt; aber nicht dieser Gedanke war das Treibende der Darstellung, sondern das seelenvolle, von Gefühlen erfüllte Bild des Mannes und des Kindes. Der Dichter fand in Herders Volkslie- dern die Volksballade, die ihn anregte. Herr Oluf wird von Erlkönigs Tochter zum Tanze gelockt, er will nicht; denn andern Tags ist sein Hochzeitstag. Die Elfe schlägt ihn ans Herz, und Oluf stirbt daran. Was Herrn Oluf hier geschieht, geschieht bei Goethe dem Kinde. Dieses Bild stand vor dem dichterischen Geiste, nicht obiges Thema.

FTrotz mancher wahren, treffenden Gedanken für die Erklärung der Dichter irrt gerade in Bezug auf die Ballade Goerth gar sehr. Wenn er eine religiöse oder sittliche oder ästhetische Idee als den Inhalt der modernen Ballade verlangt, so muss sich doch diese wieder heraus- schälen lassen, und das Suchen nach der Grundidee ist gerade da-

*) Wenn wie imRossebändiger von Adolf Bube eine Lehre angehängt wird Hütet euch, ihr edle Seelen, so passt dies schon gar nicht. Vgl. dagegen die schöne Ballade von Vrchlicky:Die Ahren der Armen.