Lebhafte dichterische Phantasie, echte Plastik und unmittelbare Bildwirkung muss die ganze innere Form der Ballade bilden; auf akade- mische Klarheit und Sauberkeit leistet sie Verzicht. Die Poesie, sagt Ernst Ziel, nimmt für ihre Erzeugnisse das Hören, das Schauen und das Empfinden in Anspruch. Das Wesen echter Poesie ist ja dies, dass nicht immer durch redselige Schilderung der anschauliche Genuss lebendiger Vorgänge in Natur- und Menschenleben vermittelt wird, sondern auch durch die Kunst des Verschweigens, das die alte Volksballade sehr gut kennt. Meisterhaft verstehen es die Volkslieder, aus Reden Ereignisse errathen zu lassen; ganze Menschenschicksale enthüllen sich aus dem Dialog; aus einzelnen Worten kann indirect eine ganze Reihe von Hand- lungen herausgelesen werden. Welche tiefe Erschütterung des Gemüthes bewirkt eine Strophe der bekannten alten Ballade:
„Halt an, Lord William“, rief sie erschreckt; „Du bist zu Tode wund.“ „„Das ist mein Scharlachmantel nur, Der spiegelt sich roth am Grund““ oder
„Um Widdrington hüllt Gram mein Haupt, Weil ihn der Tod rafft hin,
Der, als die Füße ihm geraubt, Noch focht auf seinen Knien.“*)
Aus dieser einen Strophe sieht man, und dies gilt für die echte Ballade überhaupt, die sich ja dadurch von dem epischen Gesange unter- scheidet, dass es sich nicht um ein interesseloses Verhalten zum Gegen- stande, wodurch objective Ruhe und plastische Entwicklung allerdings im hohen Grade gewonnen wird, handelt; der Balladendichter muss bei seinen Gemälden seine Seelenstimmung abspiegeln; diese muss Farbe und Beleuchtung geben. Allerdings wird der Dichter nicht jeden Stoff mit gleichen Kunstmitteln behandeln dürfen. Wenn es einerseits wichtig ist, den Stoff, der oft größerer epischer und lyrischer Ausweitung fähig ist, so knapp zu fassen, dass er als Ballade möglich ist, so darf der Dichter anderseits, wie Kinkel bemerkt, auch nicht den schönen poetischen Faltenwurf verfehlen. Gar manche Ballade verliert durch zu strenge Kürze ihre Fülle. Doch gilt auch für die Ballade, was Korinna zu Pindar sagt, sie warnt ihn bei seiner Anlage zur Ubertreibung: er solle mit den Händen und nicht mit vollem Sacke säen.**)
*) Hamilton hat in seinen Lectures on Metaphysics II. pg. 423 aus solchen Ge- müthsbewegungen seine 3. Classe, die Gefühle, als besondere Grundclasse gefunden; solche Gemüthsbewegungen seien kein bioßes Denken und auch als Wollen oder Begehren lassen sie sich nicht bezeichnen. Aber doch gehörep auch sie zu den psychischen Phänomenen.
**½) Es ist sonderbar, dass ein Dramatiker, wie Jos. Freiherr von Auffenberg gewiss einer gewesen, von dem Wesen der Ballade nichts erfasst hat. Unter seinen Balladen und Romanzen ist„Der Negerknabe“ ganz verunglückt, sie wirkt fast komisch wie„Der Bodenwichser.“„Die Ballkönigin“ fällt ganz in den Ton der Schieblerschen Romanzen. „Das Concert von Cremona“ ist zu lang, die absichtliche Unregelmäßigkeit im Rhyth- mus, die vom Gegenstande bedingt ist, artet hier aus. Die nordische Ballade„Der Helm des Warners“ ist ebenfalls zu gedehnt, wie auch„Die Mondburg“.„Der Bahnwärter“ hat einen modernen Zug, wie„Der Picador“, aber auch hier fehlt der rechte Balladenton. Die antike Ballade„Perseus“ ist noch eine der besten.„Die barmherzige Schwester,“ eine Ballade von 25 Seiten, widerspricht ganz dem Balladencharakter.


