Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 4. Teil.
(Schluß.)
Entstehung
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Wir haben schon im ersten Theil dieser Abhandlung auf die der Ballade nothwendige Concentration der Empfindung hingewiesen. Die Ballade ist die bündigste, geschlossenste Form, unter welcher man ein Handlungsbild oder Lebensbild kennen lernen und poetisch genießen kann. Ihre Macht und Eindringlichkeit liegt in dieser Bündigkeit und in der stimmungsvollen Wärme, die unausgesprochen, aber rasch em-

funden aus ihr in die Seele strömt. In der Sammlung der Ausstrahlungen in einem Punkte liegt die ergreifende Macht dieser Dichtungsart. Dabei braucht nicht die unmittelbare Gegenwart der Ereignisse geschildert zu werden, sie sind in die Erinnerung aufgenommen, wie das Klagelied auf Platen von Ferd. Freiligrath beim Anblick des nach Sicilien segelnden Schiffes. In Barbarossas Erwachen wird der Eindruck und der Vorgang in einem Punkte, Auschauung und Empfindung in einem Blicke concen- triert, und zwar in dem Ahnherrn Barbarossa, der aus dem Schlaf im Kyffhäuser plötzlich erwachend das lebendige Traumgesicht sieht. Wie die Vollesballade darf auch die Kunstballade Empfindung und Handlung nur andeuten, statt sie auszusprechen. Sie berührt nur die hervorragenden Spitzen einer Geschichte, die Gipfel eines leidenschaftlichen Gefühls und überlässt es dem Hörer, die dazwischenliegenden Ebenen und Niederungen zu überspringen und mit der eigenen, durch den Zauberstab der echten Poesie schöpferisch gemachten Phantasie, auf die sie freilich nicht ver- zichten kann, auszufüllen. Mit Gründen und Motivierung kommt die Ballade nicht, sie liebt das Halbdunkel und deutet die Motivierung oft kaum an, sie drängt auf die Katastrophe hin; in der tragischen Ballade ist wie in der Tragödie nur ein Gefühl, das den Sturm hervorbringt, nur eine Richtung, in der das Fahrzeug fortgerissen wird. Gedrängt, dra- matisch und ergreifend, das sind die Merkzeichen der die Volksballade nachahmenden Kunstballade. Oft ist keine Zeile Erzählung in dem ganzen Gedicht, die Darstellung bewegt sich im lebendigen Dialog. Was das Wunderbare in der Ballade betrifft, so ist es nicht ausgeschlossen. Die Sagenballade und die legendenhafte Ballade macht von ihm einen freièn und zweckmäßigen Gebrauch; besonders die Volksballade ist reich daran. Die Kunstballade ist in der Verwendung des Wunderbaren sparsam ge- worden. Rosenkranz will das Gesetz der objectiven Causalität negiert sehen um einer höheren Idee willen, nämlich die Freiheit des Geistes von der Natur in solch phantastischer Weise darzustellen.(Vgl. auch Schopenhauers Parerga S. 412.)

Gottfried Keller sagt in der Vorrede zu seinen sieben Legenden: Die naiven Volksdichtungen ergehen sich nicht im psychologischen Be- gründen; sie setzen die Thatsache, sie fassen harmlos das Wunder auch im psychologischen Betracht. Die elementaren Kräfte sind noch flüssig, nicht an das starre Gesetz gebunden. Auch trotz des Wunders kann man die innewohnende dichterische Kraft erkennen und hier Bildungen auf- nehmen, die aus dem Wunderglauben in das Himmelreich der Kunst erlösen. Wenn der Dichter nur rege Einbildungskraft hat, so dass er seinen Geschöpfen aus der Wunderzeit doch den Stempel der Natur- wahrheit aufzudrücken vermag, dann sind seine Geschichten nicht auf Augenblicke, sondern auf immer wahr, wie es im Sommernachtstraume heißt:Den Körpern, welche die Phantasie schafft, dem luftigen Nichts, gibt des Dichters Feder Gestalt und einen Ort im Raum.