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so kann dies auch der moderne Balladendichter thun und muss es thun, indem er den tiefen und reichen Gehalt der Volksballade, ihr ganzes Wesen, ihre reiche Plastik und unmittelbare Bildwirkung beibehält und in veredelter Form wiedergibt. Jetzt, wo die Gattung sich rein heraus- gebildet hat, kann sie sich auch der Unarten des Volkstones entschlagen und muss statt des realistischen Gebarens das Geistschöne einführen; immer kann aber der Wildling zu erkennen sein an seiner Naturfrische, seinem vollen, würzigen Duft. Die schlanke Kraft und der jugendliche Glanz der Volksballade soll bleiben, die Naivität und Einfachheit auch, aber das bloße Lallen derselben muss vermieden werden. Die Wieder- geburt der Volksballade in der Kunstballade sieht man recht deutlich bei Uhland(Die Nonne, Des Goldschmieds Töchterlein, Jungfrau Siegelinde)*). Ebenso ist das historische Volkslied der reichlich fließende Quell für neue Balladendichtung geworden. Man vergleiche in dieser Hinsicht die charakteristische Mischung von Ballade und Volkslied in den an ge- schichtliche Persönlichkeiten und Ereignisse angelehnten Gedichten von Th. Fontane und Hans Hopfens„Die Sendlinger Bauernschlacht“ und die prächtige Ballade von Johann Aranyoss„Frau Agnes“. Vergleicht man die dänische Volksballade„Erlkönigs Tochter“(Herder, Volkslieder) und Goethes„Erlkönig“, so zeigt sich trotz der Ahnlichkeit der tiefgrei- fende Unterschied. Hier zeigt sich, wie der moderne Dichter, der Kunst- poet, die Producte der Volksdichtung adelt. Das ahnungsvolle Wesen der Ballade, das Halbdunkel der Volksdichtung, wie fein ist es gewahrt, und wie ist anderseits gegenüber der Naivität der Volksballade, in der das gespensterhafte Ereignis das Wesentlichste ist, dies Grauenvolle der nächtlichen Naturerscheinung in seiner Wirkung auf das menschliche Gemüth gezeichnet!„Goethe hat nicht den erzählenden und ausmalenden, sondern den tief bewegten lyrischen Stil, wie er im Volkslied herrscht, angewendet und ihm nur so viel dramatischen und künstlerischen Bei- satz verliehen, als der Rundung des Ganzen und der Concentration der Wirkung förderlich war.“(Stiefel p. 171.) Die Kunstballade muss also den feinen künstlerischen Geist des Dichters zeigen, der die Einheit bei aller Mannigfaltigkeit und die Lösung festzuhalten und dabei wie die Volks- sänger den tiefen, wunderbaren Ton, der das Innere aufwühlt, ergreift und dennoch beruhigt, in seelenvoller, durch die kraftvolle Sprache und den rechten Rhythmus gehobener Form zu finden weiß.**) Das Ursprüng- liche, der natürliche Erguss eines poetischen Gemüthes in der Volks- ballade wird von Whattley mit der Wirkung der Beredsamkeit verglichen. Die eine lenkt die Aufmerksamkeit auf sich und erfüllt uns mit Bewun- derung des Redners, die andere packt uns dermaßen, dass wir uns ihrer hinreißenden Macht gar nicht bewusst werden, von dem Inhalt ergriffen, über diesen nicht nachdenken.
*) Dr E. Brandes: Beiträge zu Uhland(Programm des Gymnasiums zu Marien- burg 1892). Die Parallele von„Des Sängers Fluch“ und Goethes„Sänger“ charakterisiert treffend die Knappheit und Plastik Goethes.„Goethe wirkt, Uhland schildert.“ Da- gegen kann nichts eingewendet werden, aber die Schilderung Uhlands ist so eigenthüm- lich tief poetischer Art in dieser Ballade, dass man sie nicht so kurzweg mit dem Gattungs- namen abfertigen kann.
**) Vgl. Die knappe und düstere Ballade von Fr. Notter(Gedichte in Auswahl) „Drei Acker lang“.


