Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 4. Teil.
(Schluß.)
Entstehung
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gut, erhält realistische Kraft und Bildlichkeit. Die Form nimmt die starken Contraste auf, die das Volkslied besitzt, selbst das Unbeholfene des volksthümlichen Dialectes wird Kunstmittel, wenn es sparsam ver- wendet wird. Die Aufnahme der Natursymbolik gibt jenen frischen und jenen würzigen Duft, den die Kunstpoesie braucht, um volksthümlich wirken zu können; bewegte Handlung tritt statt der Schilderung ein, epische und dramatische Elemente werden herbeigezogen, und es entsteht eine neue Form, statt des Liedes und der Erzählung: die Ballade.*) Vor allem muss die echte Art der Kunstballade das Merkmal der Volksballade haben, die ja auch ein echtes, freilich ganz naturalistisches Kunstwerk ist; es muss etwas hinterlassen, das wir bei allem Nach- denken darüber nicht zur Deutlichkeit des Begriffes bringen oder viel- mehr herabziehen können,den ahnungsvollen Laut. Es ist etwas ganz anderes jenes Helldunkel gelungener Balladen, in welches der Geist sich so gerne versenkt, und in dem die Phantasie die Gestalten schaut, und jene Unklarheit, die durch abgerissene Töne das Ahnungsvolle zu ersetzen glaubt. Aus der Weise seines Volkes muss auch der Balladendichter das Gesetz empfangen. Die Kunstballade soll den Ton der Volksballade festhalten, wenn sie ergreifen, wenn sie wirken soll, wie ja auch das Volkslied auf das Kunstlied veredelnd wirkt. Beide sind abgerissen, geben nur die Haupt- sache, so dass der Hörer oder Leser vieles ergänzen muss; beide ziehen die Natur, Linde und Lerche, Viol und Klee, die Sterne am Himmel, die Wasser in der Tiefe symbolisch heran,**) aber die Volksballade hat wie das Volkslied auch eine gewisse Formlosigkeit und jene musikalische Wirkung, die lange nachzitternde Bewegung des Gefühls, deren Wellen- schwingungen nicht in die Breite, sondern in die Tiefe gehen; die schrille Dissonanz und ihre dennoch berauhigende Lösung sind ein Geheimnis der echten Ballade. Wie Goethe das Volkslied zum Kunstlied veredelt hat,

*) A. E. Berger weist in der ZeitschriftNord und Süd in dem AufsatzVolks- dichtung und Kunst nach, dass die Anschauung von einem Wesensunterschiede der Volksdichtung und der Kunstdichtung heute nur noch einen historischen Wert hat. Aus der streng wissenschaftlichen Erörterung sollte deshalb diese Formel ferngehalten werden. Es sind lediglich Stilgesetzeder mündlichen und der schriftlichen Uberlieferung; die Stilmittel des mündlichen Vortrages, der durch das Ohr und nicht durch das Auge in die Seele wirkt und dort Phantasie und Gefühle gleichsam stoßweise in beständig mit- bebende, mitschaffende Bewegung setzt. Auch die gelesene Poesie hat sich mit vollem Bewusstsein die Technik der gesungenen Poesie angeeignet. Wir haben alte Lieder er- halten, die uns in ihrem Zusammenhange fast räthselhaft geworden sind, aber bei man- chen von diesen, besonders pei den Balladen lässt sich der textkritische Nachweis liefern, dass diese häufig als besonderer Reiz gepriesene Dunkelheit ihnen keineswegs ursprünglich eignet, sondern erst durch eine lange entstellende Ubung hinzugekommen ist. Die mo- derne UÜberlieferung hat eine umgestaltende Kraft. Vgl. auch Stiefel: Deutsche Lyrik S. 240.

r) Jakob Grimm schreibt an Therese von Jakob, Berlin 1844:Mich haben im deutschen Lied immer die frischen Eingänge angezogen, die gleichsam den Refrain vor- ausschicken und dem hernach besungenen Ereignis eine Art von landschaftlichem Hinter- grund verleihen oder vielmehr Vordergrund, der mit der Fabel selbst nicht in Bezug zu stehen braucht, gewöhnlich auch nicht steht.Ich hört' ein Bächlein rauschen, wohl rau- schen durch das Korn.Die Brünnlein, die da fließen etc. In vielen dieser lyrischen Volksballaden ist aber allerdings das Naturbild ein Echo der ganzen Stimmung, die durch das Lied zieht, wie gleich im ersten, wo es heißt:Ein Mädchen hört' ich klagen etc. Dieses Ineinanderspielen des Ereignisses und des Naturbildes ist gerade eines der Ge- heimnisse des Volksliedes und macht es so tiefergreifend. Die neuere Ballade hat dies aus dem Volkslied mit herübergenommen, nicht zum Schaden dieser Dichtungsart.