Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 4. Teil.
(Schluß.)
Entstehung
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liegt, dass sie gern zur Schauermär greift, wenn ihr immerwieder- kehrendes Themawie liebe mit leide ze jungest lônen kan, Strafe für die Leidenschaft, Untergang des aus Liebe Sündigenden ist,*) wenn sie die lyrischen Elemente der Naturbeseelung so aufzutragen versteht, dass die Stimmung verstärkt wird oder in dem angeschlagenen Grundton austönt, so zieht freilich auch die Kunstballade diese stimmungsvollen Naturelemente herbei, sie ergreift ebenso gern die schauerliche und er- greifende Begebenheit, sie kann aber, dem Charakter der Volksballade nicht mehr so nahe kommend, darüber hinaustreten und stellt im äußersten Gegensatz in formvollendeter Weise selbst der Volksballade ganz hete- rogene Stoffe z. B. antike Bilder in sich aufnehmend, diese idealschön statt naturalistisch dar. Sie wählt irgend eine interessante Begebenheit, einen seelenvollen männlichen oder weiblichen Helden, beleuchtet hell den Charakter, wobei es oft nur zum Ansatze der Erzählung des Ereig- nisses kommt oder auch, wenn das Ereignis voll entwickelt wird, bloß zum Ansatze der Charakteristik der interessanten Persönlichkeit.

Die starke Wirkung mancher unserer Balladen besteht gerade darin, dass wir fühlen, hier nicht durch rhetorische Künste bestochen oder ge- täuscht zu werden, dass die ganze Wirkung von der Sache selbst aus- geht, der Keuschheit des Stils, dem Gesetz der Einfachheit. Naivität verträgt sich auch mit dem Erhabensten, sagt Schopenhauer.

Hält man die Volksballade mit der Kunstballade zusammen, so zeigt sich bei vielen Ahnlichkeiten, die aber keine bloß äußerlichen sein dürfen, auch ein großzer Unterschied. Falsch ist die Behauptung: Die Volksdichtung unterscheidet sich von den Schöpfungen des Kunstdichters nicht durch den Stoff, sondern durch die Behandlung. Worin besteht das volks- thümliche Element und der volksthümliche Stil der Kunstpoesie? Es ist ein doppeltes, den Inhalt und die Form betreffendes. Der Kunstdichter benutzt die halb unbewussten Andeutungen des Volksliedes und gibt ihnen den vollen und reinen Ausdruck, das dunkle Fühlen bringt er zur voll bewussten Anschauung; dadurch überbrückt er die Kluft und be- kommt jenes urkräftige Element in seine Dichtung, sie wird wieder Volks-

war es kein Wunder, wenn man die Quelle der einen und der anderen Art ganz wo anders suchte. Dies führte dann selbst für das große Volksepos zur Annahme, es gäbe für das- selbe keinen eigentlichen Dichter. In der Aufforderung der Herausgeber vonDes Knaben Wunderhorn heitt es:Vorzüglich wäre auf jene Lieder zu achten, welche die Kunst- sprache mit dem NamenRomanze, Ballade, bezeichnet, das ist, in welchen irgend eine Begebenheit dargestellt wird; Liebeshandel, Mordgeschichte, Rittergeschichte, Wunder- geschichte u. s. w.; je älter und einfacher, je größer der Gewinn.

*) Es ist schon erwähnt worden, welchen tiefen Ernst der Lebensanschauung die Ballade zum Ausdruck bringt. Es ist keiner auf Erden so keck und klug, Dass er wisse, was das Schicksal ihm verheiße. Doch das Glück wendet sich oft um! So dreht auch das Rad des Glückes sich um, Seinen Lauf mag keiner erkennen. Viel besser ists nicht geboren sein Als stets in Kummer zu leben, Sein Brot zu essen mit Thränen rein Und zu führen ein jämmerlich Leben. Mich ängstigen des Lebens Lasten.