Zur Poetik der Ballade.
IV.
Wir sehen, wie sich im Verlauf der historischen Entwicklung eine doppelte Richtung der Ballade herausgebildet hat: die an die Volks- ballade sich anschließende Kunstballade und jene vollklingende, mit re chen Farben und rhetorischem Feuer einherschreitende, von hohen Ideen getragene zweite Art. Zwischen diesen beiden Grenzen„der fast stammelnden und doch so vielsagenden, die Volksballade nachahmenden Ballade“ und der„im Freskostil auftragenden und wieder im einzelnen voll ausführenden, das Stimmungselement zurückdrängenden Kunstdich- tung“ gibt es zahlreiche Ubergänge.
In der Volksballade*) tritt uns typisch die Art und das Wesen des Volkes, dem sie angehört, entgegen. Die Eigenthümlichkeit dessen, der sie gesungen, tritt zurück, aber es bleibt aus dem Volkscharakter noch genug Individuelles. In der Kunstballade ist der Dichter, der einen seelen- vollen Stoff ergreift, gar nicht gebunden, er leitet den Stoff durch seine bestimmte Individualität durch und gibt dadurch dem Gedicht das be- stimmte Arom, welches eben die Dichtungen eines Uhland, Schiller und Goethe von einander unterscheidet. Auch hier zeigt sich, wie überhaupt in der Kunst, die dichterische Macht um so gröôõbßer, je vollendeter die dichterische Persönlichkeit ist. Wenn es im Charakter der Volksballade
*) Pröhle sagt in seiner Abhandlung„Das deutsche Gesellschaftslied“(Westermanns Monatshefte 38. Jahrg.), dass das Volkslied in einer gerade nicht sehr großen Anzahl alter deutscher und schottischer Balladen die Ziele aller wahren Poesie erreicht habe. Er meint, zwischen dem Entstehen einer alten deutschen oder schottischen Volksballade und dem eines neuern volksthümlichen Gedichtes lässt sich kein stichhältiger Unterschied nach- weisen. Den alten Volksballaden stehen einige wirklich volksthümliche Gedichte von Goethe durchaus nicht nach. Die von Shakespeare gedichteten Volkslieder sind ebenfalls nicht minder echt als die wirklichen alten schottischen Volksballaden. Dies kann aller- dings zugegeben werden. Warum soll der auffallende Unterschied zwischen dem Kunst- und Volkslied gerade nur vom Dichter ausgehen, da doch beide Werke des Dichters sind? Nachdem Kunst- und Volkspoesie so unendlich weit von einander sich entfernt hatten,


