Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 3. Teil
Entstehung
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will diese Gedichte mit ihren modernen Veränderungen an dem Sagen- stoff nicht für Sagen ansehen, weil das reine Bild der echten Sage ge- trübt und gefälscht wird.Ein schlechtes Gedicht wird dadurch nicht besser, dass es eine schöne Sage entstellend verarbeitet.Eine Zusam- menstellung solcher Sagengedichte würde den Mangel des künstlerischen Wertes bei den meisten verrathen.Die künstlerisch frei componierte Sage z. B. in der Ballade ist ein Gegensatz zur volksmäßigen, die eine Quelle der Geschichte ist.(Vgl. Sagenbuch der bairischen Lande. Otte (G. Letter) Schweizersagen in Romanzen und Balladen).

Die antike Ballade war gleich bei ihrem Entstehen beliebt, sie ar- beitete nach französischem Muster und suchte durch Witz, Ironie und Travestie zu wirken*). Ihren Stoff nahm sie aus Ovid und anderen Dich- tern und Historikern des Alterthums; auch ernste Stoffe wurden ergrif- fen und stilvoll dargestellt. Hier bleibt Schiller Muster. Der ernste, ge- tragene Ton, das rhetorische Pathos, die erhabenen Ideen ließen diese Weisen lange fortwirken, bis sie durch die kraftvollere Gestaltenballade ver- drängt wurden. Die in ihnen dargestellten Charaktere aus dem Alterthume waren nicht ohne modernen Beiklang, sie sprachen in einer markigen Weise objectiv ohne viel Detailmalerei und doch mit stofflicher Abrun- dung an einem bedeutenden Wendepunkte die Stimmung mit ihrem historischen Gehalte aus. Hier trat jene Eigenthümlichkeit hervor, die es zweifelhaft machte, ob überhaupt eine Ballade vorhanden ist. Häufig ist, und das gilt auch für mittelalterliche und moderne Stoffe, eine dra- matische Situation gegeben, wie sie ja die Ballade erfordert, sie wird aber nicht entwickelt, sondern der Dichter lässt den Helden allein spre- chen. Schillers Kassandra war hier classisches Vorbild. Eine weitere Ausbildung dieser Ballade, sagt Max Koch, kommt Geibel zu,eine Ausbildung, die mit der gewöhnlichen Balladenform nichts mehr gemein hat. Großartige dramatische Monologe, bei denen nie an ein Drama ge- dacht wird, und die in keines passen würden.(Herakles auf dem Oeta.) Ich wüsste nicht, wie sie zu classificieren wären; doch was thut der Name, Name ist Schutt und Rauch. Mancher dieser Monologe kann mit Recht als zur dramatischen Ballade gehörig bezeichnet werden. Die Concentration der Empfindung ist dieselbe wie im dramatischen Mono- loge; die Phantasie des Lesers oder Hörers ergänzt nach vorn und rück- wärts das ganze Handlungsbild, das wie ein gemaltes Bild nur den einen Moment, aber den packendsten und ergreifendsten hervorhebt, in den sich der ganze Gefühlsgehalt hineinlegt. Den fruchtbaren Moment zu finden ist Sache der künstlerischen Intuition; er kann bald vor, bald während, bald nach der Peripetie der Handlung gesetzt werden.

*) Welch ein Unterschied zwischen der Romanze D. Schiebelers, deren Programm er in derReise nach dem Parnass entwickelte:Wir singen, spielen, lachen, die Tho- ren klug zu machen, Verbessern den Ovidius, der es geduldig leiden muss und der antiken Ballade der Neuzeit! Das Alterthum bot in Mythus und Geschichte wie das Mittel- alter reichen Stoff, der von den Dichtern stark ausgebeutet wurde. Th. B. Macaulay(Alt- römische Heldenlieder, Ubersetzung von H. v. Pilgrim) verfolgt die geschichtlichen Nach- richten des Livius rückwärts und kommt zu der Annahme ursprünglicher Balladen, von denen Cato spricht, deren Verlust Cicero beklagt. Macaulay folgt der Analogie etwa der schottischen Balladendichtung und gibt Proben dieser verschollenen lateinischen Poesie.