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Die die Weltlage des Mittelalters spiegelnde Ballade war längere Zeit eine Lieblingsart der Dichter und des Publicums. Die Romantiker sind es gewesen, die diese Ballade in Aufschwung brachten. Die Ideen der Ritterlichkeit waren ihre Grundlage, der Stoffkreis enge und bald abgesungen. In ungeschickten Händen musste sie zur Parodie werden. Mit den Ritter- und Geistergeschichten und unter romantischem Ein- flusse trat dann die mittelalterliche Ballade, die Ritterballade auf. Die freien Gebilde der Phantasie, Märchen und Legenden drangen jetzt in das Gebiet der Ballade ein, die altdeutsche Heldensage wachte wieder auf. Die Suche nach den Sagen begann; so herrliche Stoffe konnte der Dichter nicht unbenutzt lassen. Eine reiche Zahl von Balladen wurde jetzt aus dem tiefen und reinen Brunnen der Sage geschöpft. Jordan sagt: Aus den edelsten Erzen des uralten Erbes— von Erden und Rost das reine Rothgold— In leuchtender Schönheit lauter zu scheiden— Mit dem Zeichen der Zeit es preiswert zu prägen— Ist der Dienst des Dichters, des Gedankenwardeine.
Herders Cidromanzen mit ihrem streng epischen Klang hatten für Nachbildung solcher Dichtungen nicht grundlegende Bedeutung. Erst die Romantiker schlugen diesen Ton an. Die südliche Romanze war erst recht aufgeschlossen worden durch die Studien der Romantiker. Der Ton dieser Romanzennachbildungen ist ein ganz anderer als der der deutschen Ballade. Der Kreis derselben ist ein recht enger und reicht an die Mannigfaltigkeit der Balladenerzählungen nicht hinan. Liebe, Ehre, ritterlicher Kampf, Verrath sind auch wohl der Stoff der deutschen Ballade, aber in der Nachbildung der südlichen Romanze wird auch meist der südliche Schauplatz festgehalten. Die Weltlage ist eine ganz andere. Soviel Verwandtschaft die südliche Romanze mit der nordischen und der deutschen Ballade, die sich alle drei auf dem Gebiete der Kleinepik be- wegen, auch haben möge, so groß ist anderseits der Unterschied, der von Th. Vischer und andern schlagend hervorgehoben worden ist. Die Zahl dieser Nachbildungen ist gegenüber den Nachbildungen der dem deutschen Sinne viel mehr zusagenden nordischen Ballade gering, und sie werden kaum mehr versucht, seitdem die deutsche Ballade ihre eigenen sicheren Bahnen eingeschlagen hat.
Die sentimentale Richtung war lange vorherrschend und gab zu jenen Travestien Anlass, wie sie heute noch nicht bezüglich der Ritter- ballade ausgestorben sind*).
Aber auch hier zeigte sich, durch die Freiheitskämpfe veranlasst, in der Sehnsucht nach der Macht und Größe des alten Reiches die Ge- staltenballade,„wo mächtiges Heldenleben längst auf Beschwörung lauscht.“ Dieses Heldenleben wollte der Dichter auch in unseren Tagen wieder hervorbrechen lassen. Später trat dann die moderne Wirklichkeit mit
*) Auf die humoristische und die komische und travestierende Ballade ist Th. I. S. 52. hingewiesen worden. Die Ritterballade und die antike Ballade bietet dazu den reichsten Stoff. Das Brutale kann auch ins Komische gewendet werden. Diese Wendung, sagt Rosenkranz(Asthetik des Hässlichen p. 262), wird als Parodie am gewöhnlichsten sein, wie die Münchener Fliegenden Blätter das Brutale in Bänkelsängerballaden oft köstlich persifliert haben.„Uber die komischen Romanzen im 18. Jahrhunoert“ vgl. C. v. Klenze. Düss. 1891.


