Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 3. Teil
Entstehung
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und Mittel der Darstellung Anspruch erhebt, in die Gattung der Ballade aufgenommen zu werden.

Die historische Sagenballade sowie die Gestaltenballade ist ent- weder je nach dem Stoffe antike, mittelalterliche oder moderne Ballade. Sauppe sagt S. 14 ganz richtig:Die mythische Erzählung(Er unter- scheidet die mythische, historische und romantische Erzählung) gestaltet den aus der Sagenwelt entlehnten Stoff um, erweitert ihn und rundet ihn ab, auch modernisiert sie ihn. In diesem Boden wurzeln die meisten jener episch-lyrischen Erzeugnisse der modernen Kunstpoesie, die man im weitern Sinne des Wortes Balladen nennt.

Auch die Balladen aus der neueren Geschichte fassen die Ereig- pisse und Gestalten nicht objectiv oder rein historisch, sondern nach der Idealisierung, die sie schon durch die Tradition erhalten haben, sie noch weiter poetisch idealisierend; sie lieben es, an Züge anzuknüpfen, die die Geschichte nicht kennt. Die epische Ballade, die die historische Sage oder die historische Gestalt im Schimmer der Ideen, die das Mittel- alter hewegten, darstellt, heißt die romantische Ballade im engeren Sinne. Aus fast gestaltlosen Sagenüberlieferungen weiß Uhland mit künstleri- schem Blicke ein einheitliches, fesselndes Bild auszuscheiden; aus tro- ckenen geschichtlichen Erzählungen die dargestellte mittelalterliche Zeit von kräftigen Gestalten poetisch belebt anschaulich vorzuführen; wie in einem Brennpunkt sammelt Uhlands dichterische Gestaltungskraft die einzelnen Züge(Vgl. Bellermann: Uber Eichholtz Quellenstudien zu Uhlands Balladen 151, 1880 Zeitschr. f. d. Gymnasialw.)*).

Die Sagenbildung, sagt Felix Dahn, ist eine nothwendige Function der Sage selbst, ein nothwendiges Product der Volksseele; daher ist die Klage vom Absterben der Sage unbegründet; nicht die Sage stirbt ab, sondern die einzelne Sage oder ganze Gruppen, dafür aber entstehen neue. Die Sage kann in einem Volke nur absterben, wenn es aufhort, ein Volk zu sein. Dabei kehren die alten Typen der einem Volke eigen- thümlichen Sagenbildung immer wieder. Die Sagenballade, welche Sagen als Stoff künstlerisch behandelt, darf aber nicht über die Volkssage ge- stellt werden. Der Dichter ist nicht Quell der Sage. Was haben diese Gedichte, gute oder schlechte, mit der Sagenforschung zu schaffen? Dahn

*)So sind Mickiewicz Balladen nach Volkssagen, die noch gegenwärtig im Volk herumlaufen und nach Volkspoesien bearbeitet; sie sind meist direct auftgenommen und nur künstlerisch in ein bestimmtes Ganzes dem Inhalte und der Form nach gegossen. Sie sind nicht mehr Volkspoesie; aber der Geist der Volkspoesie weht in ihnen. Sie sind aus der Volksdichtung emporgewachsen, sind aus dem Zustande der in der Natur befangenen in den der unbefangenen frei dichtenden Phantasie erhoben worden. Vgl. Ge- schichte der slavischen Literatur von A. N. Pypin und W. D. Spassowitsch. Viele Balla- den sind ja altes Sagengut. Vgl. z. B. die deutsche BalladeDas vierte Gebot(Wolff, Hausschatz der Volkspoesie, Leipzig 1846 S. 191) und die armenische Sage vomschlechten Sohn und guten Enkel bei Dr. H. Wislocki: Märchen und Sagen der Bukowinaer und Siebenbürger Armenier S. 109. Vgl. hier auch das Seitenstück zuLenorensage S. 146 Die todte Geliebte; ferner zum Abt von Sct. GallenDer weise Mann S. 85.; Erben's BalladeDas Brauthemd klingt an BürgersLeonore an. Felix Dahn hat in den Ge- dichten:Vierte Sammlung Balladen gegeben, die wohl zu dem Herrlichsten dieser Art

ehören:Hagens Sterbelied,Die erste Harfe,Die Windsbraut.Siegfrieds Leichen- ahrt,Der Fiedelmann, die schottische BalladeAlte Liebe, Therese Dahns Ballade Der Wassermann. Der wunderbare Harfner in den skandinavischen Balladen, der dem Stromgeist seine Braut durch sein Spiellwieder entlockt(nach Bugge aus, dem Orpheus- Mythus stammend) findet sich, wie W. Hertz nachweist, auch in sinesischen UÜberlieferungen; die finnische Tradition kennt auch das Motiv der Harfenkraft.