Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 3. Teil
Entstehung
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Die epische Ballade ist entweder chronikartige Ballade oder Sagen- ballade oder epische Gestaltenballade(historische Ballade).

Die chronikartige Ballade(Lingg. Vaterländische Balladen und Gedichte) kann durch Nachahmung des naiv treuherzigen Chronikenstils erfreuen, fällt aber auch oft in den matten Ton gereimter Geschichts- erzählung. Die chronikartige Ballade hat unter der epischen Ballade den tiefsten Rang, kann aber in der Hand des Meisters durch Anlehnung an den volksliederartigen Ton große Wirkung erzielen*=).

Die epische Dichtkunst und Geschichtsschreibung sind Schwestern, sagt Franz Muncker.In den Anfängen der QCulturentwicklung vertritt oder ersetzt der epische Dichter oft den Historiker, und auch im reiferen Zeitalter verschmäht er nicht leicht eine gewisse Anlehnung an die Ge- schichte. Sie macht er zur allgemeinen Grundlage seiner Poesie, aus ihr schöpft er den Hintergrund, das Costüm, das Colorit seines Werkes. Solang er sieh aber als wirklicher Dichter fühlt, wird er die künstle- rische Selbständigkeit nicht aufgeben, er wird die Poesie nicht zum eigentlichen Dienst der Geschichte erniedrigen. Er mag geschichtliche Vorgänge frei umdichten, aber nie wird die geschichtliche Schilderung solcher historischer Vorgänge oder Zustände sein letztes Ziel sein, nie wird er auch bloß geradezu die wirkliche Geschichte in Versen nacherzäh- len. Dies trifft auch die chronikartige Ballade; so hat es Johannes Fasten- rath in seinem historischen RomanzencyklusDie zwölf Alphonsos von Castilien gemacht, so hat die chronikartige Ballade in FontanesMäan- ner und Helden eine großartige Gestalt angenommen. In unscheinbaren Strophen drückt sich hier das bewegteste Leben, die schärfste Charakte- ristik und die feinste Empfindung aus.

Die Sagenballade ist entweder mythischer oder historischer Natur. In beiden ist das Handlungsbild eine seelenvolle, außergewöhnliche Be- gebenheit, ein prägnanter Moment, der in den Vordergrund tritt. Die mythische Ballade knüpft an alte Naturanschauungen an, von ihr gilt vor allem die mysteriöse Behandlung, die Goethe verlangt, das Versetzen in eine ahnungsvolle Stimmung. Es gibt außer den koboldartigen,- monenhaften und feenhaften Personificationen auch noch irdische Mächte, die unmittelbar in den Elementen um uns her ihr Wesen zu treiben scheinen, und mit denen Wunsch und Hoffnung, Liebe und Sehnsucht des menschlichen Herzens in Kampf und Widerspruch gerathen kann. Diese verborgene, brütende oder hervorstürmende Macht, die die Kraft menschlichen Wollens und Handelns bedroht, eröffnet zugleich die Welt des Wunderbaren. Die Sagenballade als mythische bringt gern das Grauen- volle, wunderbaren dunklen Naturgewalten ist der Mensch verfallen. Ein Nebelduft und Leichengeruch weht über diesen Balladen. Von El- ten und Nixen bethört, von Gespenstern erschreckt, schwankt der Mensch an den Abgründen hin, die ihn verschlingen(tragische Ballade mit schlimmem Ausgang), oder es kommt auch zum heiteren Ausgang, Leiden wird in Glück verwandelt.(Vgl. Stiefel etc.) Es braucht also dieser Kampf noch nicht ein tragischer zu sein, der zum Untergang führt. Die Geister

*) Albrecht Graf Wickenburgs fast chronikartige Balladen aus der Tiroler-Heldenzeit 1809 1810 ‚Peter Mayr von der Mahr,Die Vierzig von Gries.