Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 3. Teil
Entstehung
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Lebensbilder von ergreifender Gewalt wieDie beschränkte Frau von A. v. Droste-Hülshof haben in ihrer Concentration und ihrer Kata- strophe:als sie zuletzt aufs Contobuch der sel'gen Mutter Trauring legte, eine Wirkung, die der Ballade gleichkommt; sie haben von der Ballade alles, was ihr eignet, und klingen nach. Wer sie gelesen oder gehört hat, vergisst sie nicht mehr. Dieses Lebensbild wieDie alte Waschfrau von Chamisso zeigt, wie der Dichter, wenn er es versteht, den Stoff lyrisch zu durchwärmen, ganz dasselbe erreichen kann wie die alten Balladensänger, aber aus dem Geiste unserer Zeit heraus. Wo im vorigen Jahrhundert etwa eine Gellert'sche rührende Erzählung ent- standen wäre, da greift der moderne Dichter in ganz anderer Weise ans Herz und weiß die Töne und Farben zu finden, die, kunstlos dem Anschein nach wie in der alten Ballade, dieselbe Wirkung erreichen. Gerade die Schlichtheit und das Lebenswahre dieser Gestalten verfehlt den Eindruck nicht; wenn es auch nicht das Erhabene der geschichtli- chen Gestalten ist, das uns packt, so ist es das Edle, Aufopfernde und Kernhafte in seiner Schmucklosigkeit und Seelenschönheit.

Auch in der poetischen Erzählung dürfen nicht alle Züge des Bildes gleichwertig erscheineu und mit gleichem Realismus ausgeführt werden*). Auch der Dichter der poetischen Erzählung muss ähnlich wie die Balladendichter verfahren; wie Du Prel**) sagt: es soll der Dichter wie die alten Griechen in ihren Reliefs arbeiten, in welchen alle Neben- dinge nur angedeutet, aber nicht kunstvoll ausgeführt werden. Mit Grün- den und mit einer Motivierung beschäftigt sich die Ballade nicht; sie liebt das Räthselhafte und deutet die Motivierung kaum an. In der epi- schen Erzählung lässt sich der Grundgedanke so klar sagen, dass kein Rest bleibt, bei der Ballade ist er selten rein und tief ausgeprägt, so- wenig als die Composition überall gleich durchsichtig und abgerundet ist; in der Ballade herrscht stets das Helldunkel, in der epischen Erzäh- lung volles Licht, Klarheit.

tasie des Lesers ins Concrete selbständig führen mag. Das ist die Art der kunstmäßigen Ballade freilich nicht, wie sie Schiller und Goethe an den Stoffen der Antike und der ka- tholischen Glaubenswelt ausgebildet haben; aber die Art der volksthümlichen Ballade ist es, und wie auf den Vorbildern, welchen Fontanes Jugend folgte, so liegt auch auf diesen Erzählungen noch, auch wenn sie moderneIrrungen, Wirrungen schildern, ein geheim- nisvoller Hauch und Duft, ein ungewisses Etwas, wie Nebel der schottischen Heide. Wie in der NovelleUnwiederbringlich die Uhland'sche BalladeHast du das Schloss gesehen Stimmung und Bedeutung gibt für die Novelle selbst, so ist in ihre rechte Mitte eine- dänische Ballade gestellt. Von dieser dänischen Ballade:Dem Herlufslied sagt eine Person der Novelle: Es habe eigentlich keinen rechten Inhalt und sei bloß eine Situation, allein das bedeute nichts: Es hat den Ton, und wie das Colorit das Bild macht, so- macht der Ton das Gedicht. Die Ballade hat ein Gebiet. das zwischen alter Epik und Lyrik mitten inne liegt, und wenn der Dichter den Menschen nicht mehr auf den- Isolierschemel eines freien Willens stellt, sondern ihn abhängig zeigt von der Umwelt, so kommt ihm auch darin der Balladendichter nahe, der das Locale eifrig auffasst, Colorit der Landschaft und der Zeitsitte. Der moderne Poet sucht die kunstlosen Töne der Natur, nicht die kunstmäßig componierte Handlung, er sucht lieber die Stimmung als den span- nenden Inhalt etc.

*) Albert Mathäi's GedichtHans Müsebeck(Cotta Musenalmanach 1893) ist das- Muster einer poetischen Erzählung. Ein anziehender und sinnreicher Vorgang(die be- kannte Geschichte des Bauern, der zu Karl XII. in die Türkei reist, um erspartes Geld. zu bringen) wird in lebendiger. volksthümlicher Art erzählt.

**) Psychologie der Lyrik..