Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 3. Teil
Entstehung
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gangenheit, sie rückt die Begebenheit nicht in die Gegenwart, berück- sichtigt das Wann und Wo mehr; vor allem ist die Darstellung keine springende, der Wechsel der Stimmung nicht stark, die Lösung eine selten rasche. frappierende und der glückliche oder unglückliche Aus- gang bei fortgesetzter steigender Spannung die Hauptsache. Eine poeti- sche Erzählung, sagt Grillparzer, ist nebstdem, dass sie poetisch ist, doch immer auch eine Erzählung, und bei der muss man wissen, wie man bei der Begebenheit daran ist. Die poetische Erzählung, die weder den Verstand noch die Phantasie beschäftigt, sonst aber die Seele nicht zu erregen vermag, hat keinen Wert. Zum mindesten soll sie in dem Bilde, das sie von der Welt und dem Leben entwirft, die Gesinnung unverfälscht zur Darstellung bringen. Die Erzählung gibt ein Erlebnis, kein Cha- rakterbild; die menschliche Natur wird darin nicht handelnd dar- gestellt. Die epische Ballade hat eine That, die Erzählung eine Begeben-

heit zum Inhalte.

Ein geistreicher Schriftsteller kennzeichnet die poetische Erzäh- lung treffend folgendermaßen:Der Erzähler ist ein ganzer Mann, der ein reiches Leben durchgekämpft mit hellem Aug und muthigem Herzen. Darum, wenn man von seinen kleinen Geschichten anhörte, so war einem, als schaute man zugleich auf ein Blatt aus der großen Menschenge- schichte; denn hier wie dort hatte der Finger Gottes sichtbar sein Zei-

chen eingeschrieben.

Aber auch die poetische Erzählung nähert sich oft der Ballade, sie wird balladesk unl hat mit ihr das gemein, dass der Blick des Be- schauers von den Hauptfiguren nicht abgelenkt werden darf*).

*) Vgl. Hugo Handwerck, Studien über Gellerts Fabelstil. Er zeigt, dass die Nei- gung zum Dramatischen, welche Rede statt Erzählung setzt, auch das Rhetorische im Gefolge hat: Zuspitzung des Gedankens, überraschende Wendungen etc. Dies trifft auch bei der Ballade zu, die sich dadurch gerade am meisten der poetischen Erzählung nähert. Das Balladeske hat sich als Ton auch in der Erzäühlung und der Novelle geltend gemacht, und gerade Fontane, der Balladendichter, hat davon Jan stärksten Gebrauch gemacht, wie Otto Brahm gezeigt hat. Wenn die engere Kunstform der Ballade verlassen wird, so kann sich diese Dichtungart der Novelle in Versen nähern. G. A. Bequer, der hoch- begabte spanische Dichter, nennt seine GedichteLegenden, kleinere Erzühlungen, denen irgend eine phantastische Idee zugrunde liegt. Die Spanier meinten sie verwandt mit den Balladen von Rückert und Uhland. Einige haben die Form von Märchen, sind bunt und phantastisch; aber balladenartig sind sie nicht.(Meister Perez, der Organist,Die grü. nen Augen,Der Mondstrahl.) Otto Brahm schreibt über die BalladeFreie Bühne H. 48 bei der Besprechung von Fontanes RomanUnwiederbringlich:Fontane sagt von sich, er sei ein balladeskes Talent; meine Aufgabe wäre nun zu ergründen, was die Bal- ladesoll, sie abzugrenzen gegen die Romanze, eine Grenze, strittig wie jene andere zwischen Roman und Novelle, und was dann die ästhetischen Haarspaltereien mehr sind. Da wir aber der Spielerei mit Begriffen am Ende des 19. Jahrhunderts einmal satt sind, da wir nicht mehr vorgeben zu wissen, was die Kunst soll, sondern bescheiden erforschen möchten, was die Kunst will und der Künstler, so sage ich ganz harmlos empirisch, was mir als palladesk in Fontanes Erzühlungen immer wieder entgegentritt; es ist nicht allein die Poesie der Stimmung, das Verdämmernde und Ahnungsvolle, sondern vor allem die Neigung zum Errathenlassen, zum Abbrechen an entscheidenden Punkten, zum Uber- springen und Wiedereinsetzen nach scheinbarer Willkür. Nicht lückenlos erzühlt der Dichter, nicht in einer Folge, welche die Geschehnisse im Zusammenhange aufrollt und schauen lässt als Ganzes; sondern bald hier zufassend und bald dort, malt er lieber das Kleine und Zufällige aus, das charakteristische Detail und lässt das Große und Schicksal- volle oft nur anklingen und sich andeuten in unbestimmten Zügen, welche sich die Phan-