Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 3. Teil
Entstehung
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antiken und christlichen, oder der europäischen und amerikan ischen Cul- tur, erbauliche Ereignisse und politische Ideen. Die Phantasie des Dich- ters hat, angeregt durch die Erweiterung des geographisch-historischen Gesichtskreises, die engen Schranken der Heimat, ihrer Sagenwelt und ihrer geschichtlichen Ereignisse durchbrochen. Der ferne Westen und farbenreiche Osten, die Pracht der Tropen und die Eisfelder des Nor- dens, die Wüsten und der Urwald, das Meer und die Hochgebirge sind der mit kräftigen und leuchtenden Farben ausgeführte Schauplatz und Hintergrund der Ereignisse, in denen selbst die Thierwelt eine Rolle spielt. Das glühende Leben, die fremden die Phantasie anregenden Ge- stalten in fernen Zonen, die ungewöhnlichen und doch der Wirklichkeit entnommenen Ereignisse, welchen Abstand bildeten sie von der ausge- sungenen Ritterballade und den vielfach bearbeiteten mythologischen und historischen Bildern, jenen breitgetretenen, tausendmal dagewesenen Balladen, die Th. Vischer tadelt,den nachgemachten Blumen, denen jeder Duft fehlt! Der ganze Reichthum der Welt und des Lebens, die sonnigen Gipfel geschichtlicher Höhe und die tragischen Schatten des Elendes und der Armut sind die Stoffwelt des Poeten geworden, ebenso die künstlerischen Darstellungen des Malers und Plastikers, deren Kunst ebenfalls ihren Wirkungskreis erweitert hatte. Häufig tritt, wie schon bemerkt, die poetische Erzählung mit dem Anspruch der Ballade auf; selbst Schillers Balladen mussten sich diesen Vorwurf gefallen lassen. Gelingt es dem Dichter, die Gestalt scharf hervorzuheben, so wird die poetische Erzählung zurückgedrängt, es tritt der balladenhafte Charakter von selbst hervor. Die Ballade macht von jenen Kunstmitteln Gebrauch, welche die poetische Erzählung braucht. Die poetische Erzählung hält sich gern an geschichtliche Stoffe, ist nicht so kräftig lyrisch durchwärmt, die Gefühle, die den Kern bilden, prägen sich in den Gestalten und ihrem Handeln in einer voll ausklingenden Begebenheit mit Anfang, Mitte und Ende aus*).

Die epische Erzählung motiviert ruhiger und fließt regelrecht im epischen Bette fort; gleichförmiges, ruhiges Tageslicht liegt über ihren Begebenheiten und Gestalten, sie betont scharf das Moment der Ver-

*) Darum geht es nicht an, die Ballade als erzühlendes Gedicht hinzustellen, weil hier ein Hauptmerkmal angegeben wird, welches bei vielen dieser Gedichte ein Neben- merkmal, somit dem Gedichte gar nicht wesentlich ist. Die Ballade kann erzühlen, sie

muss es aber nicht. Oft ist es ja nur die Darstellung einer seelenvollen Situation oder

Gestalt, die blitzartig beleuchtet gegeben wird. Die Form der Mittheilung ist es, welche den Schein der Erzählung gibt. Nicht das Was, sondern das Wie ist dem Balladendichter die Hauptsache, damit packt, damit erschüttert er uns. Hier hat Baumgart in gewissem Sinne recht, wenn er sagt, die bloße poetische Erzühlung, und wenn es die gelungenste ist, kann nur einen geringen Rang beanspruchen neben der echten Ballade und Romanze, in denen sie dem höheren Zweck ethischer Mimesis dienstbar gemacht wird. Die poetische Erzählung enthält die Nachahmung wirklicher Handlung und hat entschieden epischen Charakter, während bei der Ballade und Romanze, die lyrischen Charakter haben, die Handlung nur Mittel ist, ein Ethos nachahmend darzustellen.(S. 50 fg.) Treffend bezeich- net Bürger die Erzählungen, die zu seiner Zeit sich als Balladen gaben:Da nehmen sie das erste beste Histörchen ohne allen Endzweck und ohne alles Interesse, leiern.... es ab und schreiben darüber: Ballade, Romanze. Da regt sich kein Leben, kein Odem! Da ist kein glücklicher Wurf! Kein kühner Sprung sowohl der Bilder als der Empfindung! Nirgends etwas Aufrührendes, so wenig für den Kopf als für das Herz!.