Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 3. Teil
Entstehung
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Dies gilt auch für die epische und dramatische Ballade. Wird der Grund- ton mit Meisterschaft angeschlagen, so gibt er dem ganzen Gedicht den richtigen Halt und die innere Form. Es ist nicht die feste Construction der Ballade oder das decorative Beiwerk, welches in allen ihren Arten so mächtig wirkt, sondern jenes Durchzittern des oft geheimnisvollen, ganz musikalisch wirkenden Grundtones, der ihr die Einheit gibt, und dessen Ausklingen die Lösung vermittelt.

Die zweite Form der Ballade ist die epische Balladeals Gegen- satz zur lyrischen Ballade. Jene gehört zur epischen Poesie, so lyrisch auch die Conception sein mag. Lyrisch ist aber stets die Conception, wenn der Gegenstand sich nicht völlig von der Stimmung loslösen, sie zum bloßen Hintergrund und zur bloßen Beleuchtung machen kann. Das geschieht aber nur, wenn die Bedingung alles poetischen Schaffens, die erhöhte Stimmung, dazu drängt; der geringere Grad von Lebendigkeit der Phantasie, die ihre Gebilde unter den Bedingungen der Erinnerung dar- stellt, führt zum epischen Gedichte. Historisch ist der Vorgang folgender: Ist die Zeit des Epos vorüber, dann lässt sich schwer ein breiter epischer Strom bilden, aber einzelne Gestalten lösen sich ab, sie, die früher den Stoff zum ganzen Epos gegeben hatten, geben bloß mehr den Stoff zu einem epischen Bilde. Ein solches episches Bild ist das ins Enge gezo- gene lyrisch gewordene Epos. Der Stoff muss concentriert werden, und

adurch wird sich ein stark pulsierendes, inneres Leben zeigen, welches das Einströmen der Stimmung in den epischen Fluss hervorbringt. Auch Karl Bartsch weist die Entstehung der Volkslyrik aus dem Epos nach. Die Verwandtschaft zeigt sich am deutlichsten in den altfranzösischen Volksromanzen; der Inhalt der letzteren, sagt Bartsch*), steht dem In- halte der Lyrik dadurch so nahe, dass nichts von den Kämpfen der Hel- den, sondern allein von der Liebe, Lust und Leid in ihnen gehandelt wird. Diese Romanzen geben die Gestalt ihres Helden und die Situation und gehen dann zur Schilderung der Empfindungen über. Nach diesem beinahe typischen Eingange wird die Handlung entwickelt, in der der Liebende mit größten Gefahren kämpft und meistens ans ersehnte Ziel kommt. Rinne(Innere Geschichte der deutschen Nationalliteratur I. 167) sagt:Der Inhalt der Ballade kann derselbe sein, den das volksthümliche Epos auch hat, aber es darf denselben nicht als nationale oder gar welt- geschichtliche, sondern bloß als Begebenheiten und Schicksale Einzelner auffassen und darstellen, wodurch sich eine enger beschlossene, subjecti- vere Auffassung von selbst findet. Die Ballade wendet sich nicht an die Personen und Stoffe des Nationalepos, sondern an die der wirklichen Geschichte schon näher liegenden Begebenheiten. Thut sie dies aber dennoch, so lenkt sie das Interesse ganz von der geschichtlichen Bedeu- tung der Person auf deren Thaten und Schicksale als besondere. Mit dem Unterscheiden der Schicksale als besonderen ist aber zugleich der subjective Antheil der Darstellung und das subjective Pathos als noth-

*) Vber altfranzösische Volkslieder(Einleitung. Vgl. Baier, Asthetik II. 339.Das ursprüngliche Einzellied im epischen Volksgesang findet sein Gegenbild an der epischen Ballade. S. 310. Vgl. A. Schopf: Nationalepos und Balladendichtung. Eine ethnographische Studie. Wien 1881.)