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und der nach der Individualität des Dichters sich sehr verschieden ge- staltet. Hier gilt der Jatz: Greift nur hinein ins volle Menschenleben; freilich handelt es sich um den rechten Griff; der echte Dichter sieht das Seelenvolle auch da, wo es andere nicht sehen. Gerade das Lebens- und das Sittenbild, ob nun einheimisches oder exotisches(„Die alternde Magd“ von Ferdinand von Saar;„Aus dem schlesischen Gebirge“ von Freiligrath,„Der Pifferaro“ von Hartmann,„Die alte Waschfrau“ von Chamisso,„Die Frau des Arbeiters“ von Stephan Milow,„Das Blumen- mädchen“ von Weitbrecht,„Maud Müller“ von Whittier, eine der be- rühmtesten Balladen, anderseits„Der Scheik am Sinai“ von Freiligrath, Die Reiterin“ von Charles Kingsley, sind Lieblingsstoffe der modernen Ballade, die sich dem Realismus in der Poesie gern nähert; es handelt sich hier nicht allein um scharfe Zeichnung, sondern auch um warme und liebevolle, in einzelnen Zügen breit und färbig auftragende Ausfüh- rung; hier kann tiefe Tragik walten,„der Schatten dunkler Lebens- ansicht“ wie bei Chamisso sich herabsenken. Das Bizarre und Wunder- liche soll aber fern bleiben. Vgl. Arno Holz' Ballade:„Vom alten Eremiten im heiligen Hain von Singapur“. Vgl. Th I. S. 46*).
Solche Balladen, die vorher lyrisch präludieren und dann erst einen strenger epischen Charakter annehmen, gehören nicht zur lyrischen Ballade. Eine solche äußerliche Verbindung des Lyrischen und Epischen ist auch im„Grafen Eberhard“ bei Uhland vorhanden. Meisterhaft hat sie auch Alfred de Vigny in seinen Balladen„Das Horn“ und„Der Schnee“ angewendet. Der Dichter freut sich an den fern klingenden Tönen des Hornes im Walde, immer mehr dringen dieselben mit ihrem Zauber in seine Seele, und seine Vorstellungen weben sich um Roland im Thale von Ronceval:
Schatten der Ritterzeit, geht ihr noch nicht zur Ruh'? Mir ists, als trägt von euch das Horn mir Kunde zu,
Als könnte Rolands Geist in deinen Felsengründen,
O Thal von Roncesvalles, noch keinen Frieden finden.
Im„Schnee“ will er die Gefühle von Eginhard und Emma er- zählen und singt zuerst von dem traulichen Winter, wie süß es sei, Geschichten anzuhören, während Wald und Flur im Schnee verhüllt sind; in diesem Schnee sieht er die Spuren eines kleinen Fußes.
Immer wird es ein Ereignis von starkem Eindruck oder eine Ge- stalt von dieser Art sein, welche den Dichter mächtig ergreift, sowohl in dem Volksliede wie in der Kunstballade. Tritt das Ereignis oder der handelnde Charakter hervor, dann nimmt auch die Ballade einen mehr epischen oder dramatischen Charakter an, aber immer in der subjectiven Färbung, wie sie dem Dichter erscheint, durchströmt von der inneren Gefühlswärme, die selbst der chronikartigen, trocken erzählenden Bal- lade nicht ganz fehlt. Wie der Dichter der lyrischen Ballade den Grund- ton verfehlt, so sinkt die Ballade sofort aus dem Reiche der Kunst.
*) Kleinpaul, Poetik 9. Auflage, spricht vom„lyrischen Lebensbild“ S. 475 fg: aIn allen diesen Fällen muss, wenn man Idee und Plan des Ganzen betrachtet, episches Fortschreiten in der Zeit entweder gar nicht, oder mindestens nicht als wesentlich zu erkennen sein.“ Vgl. auch S. 536. Hier wird ein Nebenmerkmal zu stark hervorgehoben.


