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wir auch bei Geibel diese Ballade. Dem echten Lyriker glückt die epische Ballade mit ihrem raschen Gang und knapper Kürze nicht leicht; dabei aber näherb sich diese historische Lyrik Geibels fast der dramatischen Ballade, indem er die Gedankenkämpfe des Menschen, die Darlegung innerer Conflicte gibt(Herakles auf dem Ota, Der sterbende Tiberius, Judas Ischarioth, Der Bildhauer Hadrians).„Wir fühlen den Pulsschlag der Geschichte und das Gefühl von ganzen Nationen bei Lingg, wie wir die Vorzeitbiläer Geibels, in denen alle Lebensstréöme der Welt pulsieren, mit ihrer eigenthümlichen Schärfe, aber doch vom Duft des unmittel- baren Erlebnisses umwoben schauen. Der echte Balladendichter dieser Art geht in die Tiefe, er sucht den Grundquell seiner Gestalten auf, und aus diesem treibt er die einzelnen Gestalten heraus; so werden sie noth- wendig, und nur die nothwendigen stellt er dar.“
„Die Dichtung darf den Schleier lüften
Ins Herz dem ewig Einen sehn“.*)
J. G. Fischer hat in seinen neuen Gedichten„Auf dem Heimweg“ auch solche mit rein lyrischem Charakter mit der UÜberschrift„Balladen.“ Erzählung findet man in ihnen wenig. Es sind Stimmungsbilder und Charakterzeichnungen, überall herrscht starke Subjectivität, weniger plastische Phantasie. So vermisst man bei Gottfried Keller„Vermischte Gedichte“ alles Balladenmäßige, die lyrische Stimmung ist vorherrschend: „Der Taugenichts“,„Waldfrevel“,„Der alte Bettler“. Nicht das Bild wie bei K. F. Meyer ist ihm die Hauptsache, sondern der Eindruck, den er davon empfängt(vgl. E. Brenning: Gottfried Keller). Ebenso sind die balladenartigen Gedichte Otto Ludwigs lyrisch gehalten.„Die Kindes- mörderin“,„Der böse Fleck“ hat das Andeutende und Ahnungsvolle der echten Volksballade; Das Lied von der Bernauerin“ ahmt ebenfalls in gelungener Weise den Ton der Volksballade nach und beginnt echt bal- ladenhaft„Soll ich die Märe bringen, die mir bewegt den Sinn? So sagen wir und singen von der Bernauerin.“ Aber auch die echt epische Ballade (»Treu Friedrich“) fehlt bei Otto Ludwig nicht.
In der Stimmaungeballade wird eigentlich nichts erzählt, auch selten das Factum als etwas Vergangenes dargestellt, sie greift vielmehr in lebendigster Vergegenwärtigung recht in die Mitte des Ereignisses und führt uns mit wenig Strichen oft mit einer Redefigur in die Situation ein. Je mehr die Stimmung das Handlungsbild durchwärmt, desto sprin- gender wird auch die Darstellung: hat sich die Stimmung in dem Hand- lungsbilde ausgesprochen, so wird letzteres oft fallen gelassen, die innere
*) Natter will die„Verlorene Kirche“ nicht nothwendig unter die Balladen aufge- nommen haben. Offenbar rechnet er dieses Gedicht zu den lyrischen Gedichten. Dr. E. Brandes(Programm des kön. Gymnasiums zu Marienburg 1892) meint:„Gerade der Um- stand, dass Uhland die„verlorene Kirche“ mitten unter die Balladen und Romanzen ge- setzt hat, ist höchst bedeutungsvoll und zeigt, dass das Gedicht keine bloße Vision sein soll. Denn es verfolgt auch den Zweck, einen kurzen prophetischen Ausblick in die Zu- kunft zu geben. Ubrigens könnte man ja auch den Hauptton auf die romantischen Ele- mente legen und das Gedicht vielleicht ebenso gut als eine visionäre Romanze mit pro- phetischem Hintergrunde auffassen.“ Uns reiht sich dieses Gedicht unter die lyrischen Balladen und zwar unter die lyrisch-historische Ballade ein. Mit Recht sagt Brandes: „Diese gläubige Stimmung, welche die böse Gegenwart weit hinter sich wirft und sich zu dem Dichtertraum einer besseren Zeit begeistert, liegt der„verlorenen Kirche“ zugrunde.


