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Das Glänzende und Fremdartige, das fernen Zonen und Völker- individualitäten eigenthümlich ist, das Neue und Reizende, das welt- historische Zeitpunkte und großartige Persönlichkeiten für die Phantasie haben, mit wirkungsvollem Colorit vorzuführen, ist gerade neueren Dichtern gelungen; es ist einer der ausgezeichnetesten Züge der Gegen- wart die Virtuosität und Sicherheit, mit welcher unsere Balladendichter diese Stoffe behandeln. Ist das Handlungsbild auch oft nur in den schwächsten Umrissen skizziert, die lyrische Stimmungsballade weiß es so zu beleuchten, dass die Außenwelt in ihrer Wirkung aufs Gemüth gezeichnet, dass sie zugleich Reflex des Seelenzustandes wird. Dadurch werden die epischen Elemente in lauten Schwingungen des Gefühls ge- taucht. Das moderne historische Lied ist zurückdatiert in die Stimmung einer verschwundenen Zeit; diese Stimmung zu treffen, dazu gehört theils Fülle historischer Anschauung, theils eine Kraft der Phantasie, die sich unmittelbar in die Vergangenheit zurückversetzen kann. Gottschall nenut diese Art der poetischen Erzählung die lyrische Historie, das geschicht- liche Porträt und Tableau, das oft sogar die Form eines Monologes an- nehmen kann.„Oft begnügt es sich mit der poetischen Beleuchtung; es fehlt der Faden fortgehender Handlung.“ II. 128. Die historische Lyrik erzühlt von ihrem Helden oder sie lässt ihn sprechen(„Spartacus“ von Lingg), aber immer muss der ganze Stimmungsgehalt der historischen Thatsache, die Quintessenz der Ereignisse in kräftiger Wirkung daraus hervorbrechen, so dass der Leser oder Höõrer die Gestalten und ihre Zeit in voller Beleuchtung vor seinem geistigen Auge sieht. Hierbei kann wie in der echten Ballade der Hintergrund nur blitzartig angedéutet sein. Freilich braucht ein solches Gedicht auch einen Leser, dessen Bil- dung und Phantasie mächtig genug ist, dieser Berührung gegenüber zu reagieren. H. Lingg gibt unter der UÜberschrift„Geschichte“ solche hi- storische Lyrik; er versteht es, in lebendigster Schilderung die Gefühle großer Männer oder die Stimmung ganzer Zeiten, ihren Empfindungs- gehalt klar und entsprechend zu offenbaren(Pausanias, Spartacus, Ale- xander in Babylon); auch hier ist eine Gestaltenballade vorhanden, aber eine lyrische; die epische Gestaltenballade geht nicht auf den Stimmungs- gehalt allein aus wie das historische Lied, sie lässt vielmehr diese Stim- mung latent wirken und führt warm únd liebevoll die einzelunen Züge breiter und färbiger aus*). Auch die lyrische Ballade kann Gestalten zeichnen, aber nicht die Zeichnung ist die Hauptsache; sie macht aber nichtsdestoweniger, wie jedes lyrisch ganz durchwärmte Gedicht, oft einen tieferen Eindruck als die mit aller Liebe episch gezeichnete Gestalt Man vergleiche Platens Gedicht:„Der Pilgrim vor Sct. Just“ mit Grill-. parzers balladenartigem Gedicht„Klosterscene.“ Wie bei Heine, so finden
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dichter, müssten wir unsere ganze Bildung abstreifen, was unmöglich ist.“ Er verlangt daher auch von der Ballade, dass der Dichter auf der Höhe der Bildung unserer Zeit stehe, was dieser Gattung freilich nicht nothwendig zugehört.
*)„Was von dem Dichter hervorgebracht wird,“ sagt Fr. Schlegel(B. 10, 161), „ist darum noch nicht immer ein Lied; denn es ist nicht genug, dass dieses aus einer besonderen Stimmung des Dichters hervorgegangen ist, es muss sich auch von der Seele des Dichters ablösen und ein unabhängiges Leben in sich tragen, um zur Sage zu wer- den nnd im Munde des Gesanges die Jahrhunderte durchwandein zu können.“


