Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 3. Teil
Entstehung
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Hier herrscht, wie Vischer sagt, das Helldunkel des reinen Em- pfindungslebens. Der Dichter malt für das Seelenauge, dem es überlassen bleibt, zunächst das Bild aufzunehmen, sich aber sodann den Hintergrund, wie er durch das Gemälde bedingt ist, selber zu bilden. Der Dichter lässt die Handlung errathen, deutet sie an; der Leser und Hörer muss productiv, selber thätig sein. Ein wichtiges Mittel der Objectivierung be- steht darin, dass der Dichter sein Gefühl, sein ganzes Wesen in eine fremde Gestalt, die er uns schauen lässt, hineinlegt, so dass diese ganz Organ wird, durch welches hindurchklingend jene Empfindung zu uns herübertönt. Hiedurch wird das lyrische Gedicht aus der Stimmung des unbestimmten Einzelnen heraus langsam zur Ballade hinübergeführt, ohne darum an Kraft und Wärme zu verlieren*).

Nicht allein der Mensch kann in diesen Balladen auftreten, auch die Thier- und Pflanzenwelt sowie die unbelebte Natur kann symbolisch eintreten, insofern sie zum Echo der menschlichen Seele und ihrer Em- pfindungen wird. Für das poetische Gemüth gewinnt die Natur volles Leben, und gerade durch dieses Hereinziehen von Naturelementen wird die Stimmung ergreifender, geheimnisvoller; aber auch das dem Natur- schönen nahe stehende geschichtlich Schöne kann in solchen Stimmungs- balladen auftreten.

Auch das Volkslied kann durch die Kunstpoesie geadelt werden; ersteres hat bei der unversehrten Frische und Ursprünglichkeit des deut- schen Volksgeistes nie aufgehört. Das Soldatenlied kann gerade durch die Fähigkeit des Dichters, sich in eine andere Individualität und in andere Lebensumstände zu versetzen, den Schein erlebter Gefühle her- vorrufen und in den Fällen solchen Gelingens Fülle und Tiefe geistiger Anschauung mit der Einfalt und schlichten Gestalt eines poetischen Na- turproductes verbinden. UhlandsIch hatt' einen Kameraden, Hauffs Morgenroth, ScheuerlinsTreuer Tod**) sind solche Perlen lyrischer Ballade..

*) Hebbel sagt in seiner Abhandlung über Theodor Körner und Heinrich v. Kleist: Die drei Zweige der Dichtkunst, die Lyrik, das Drama und die Erzählung, haben es mit der Darstellung des Lebens zu thun. Dies äußert sich entweder auf Veranlassung äußerer Eindrücke oder ohne diese unmittelbar von innen heraus. Im letzteren Falle bezeichnen wir seine Erscheinung hauptsächlich mit dem NamenGefühl. Das Gefühl ist das Ele- ment der lyrischen Poesie; die Kunst, es zu begrenzen, es darzustellen, macht den lyri- schen Dichter. Das Drama schildert den Gedanken, der That werden will, durch Handeln und Dulden. Die Erzählung ist eigentlich schon keine reine Form mehr, sondern eine Verbindung des Lyrischen und Dramatischen. Hier hat Hebbel mit scharfem Blick das Stimmungs- und Handlungsbild unterschieden, und seine Darstellung, die in der Erzählung (dem erzählten Handlungsbild) lyrische Elemente als selbstverständlich annimmt, kann geradezu für die Ballade als maßgebend angenommen werden.

**)Unsere ältesten Volkslieder sind daher entweder balladenartige Darstellungen einfacher, diesen Kreisen entnommener Ereignisse, episch-lyrische Erzählung, die dadurch musikalisch geworden ist, dass sie aus dem Mitgefühle inniger Theilnahme aufgetasst, wie mit dem Schleier einer einzigen Empfindung warm überzogen ist, die der Tonsatz festhält, ohne sich auf die einzelnen Momente der Begebenheit einzulassen, oder sie sind rein lyrische Ergüsse eines persönlichen Gefühlszustandes etc. S. 97. Gervinus: Händel u. Shakespeare.

Wenn Jordan alles, was nicht sangbares Lied in der Lyrik ist, als Zwitter und Bastardgebilde bezeichnet, so ist dies eine ganz falsche Meinung, die Graf Schack treffend inEin Wort über die Lyrik widerlegt hat:Um wirklich zu singen, wie die Volks-