Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 3. Teil
Entstehung
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Seele des Lesers wachgerufen werden soll. Das vom Dichter ausgespro- chene, durch eigenes Empfinden mächtig verstärkte Gefühl unserer Brust bricht in voller Kraft hervor*). Im lyrischen Stimmungsbilde gibt der Dichter, indem er sich in eine Maske kleidet, die allerfeinsten Züge des Herzens, die zartesten Töne der Stimmung wieder; der Leser muss dies mitempfinden oder nachempfinden. Das Bild ist allgemein verständlich und spricht objectiv an, trotzdem es das Product eines subjectiven Vor- gangs ist**). Es ist das, was Fr. v. Eichendorff in seinem Motto vor den Romanzen sagt:

Ja Menschenstimme hell aus frommer Brust, Du bist doch die gewaltigste und triffst Den rechten Grundton, der verworren anklingt, In all den tausend Stimmen der Natur.

Georg Elliot sagt mit Recht von Heine, dass er es verstehe, die Gefühle in einem kleinen Bilde zu verkörpern, das uns anmuthet wie eine fein geschnittene Camee; er dramatisiere die Gefühle in einer klei- nen Geschichte, halb Ballade, halb Idyll. Der unscheinbarste Stoff, wenn er durch die freilich seltene Gabe, die Handlung in das Element der Stimmung zu tauchen, unserm Empfinden nahe gerückt wird, reicht für die Ballade aus.(Vgl. Julius Mosen:Der Witwe Töchterlein,Die Rosenknospe,Die Nonne,Rabenlied,Die Windsbraut,Des Knaben Liebe,Des Knaben Leid,Des Knaben Tod,Fahr wohl.)

Gerade die besten lyrischen Balladen sind solche, die ein Motiv objectiver Art, einen wirklichen sachlichen Kern enthalten, den der Dichter mit seinen individuellen Empfindungen nur leicht und lose um- webt und umspinnt, ohne sie in den Mittelpunkt seines eigensten Ge- fühles hineinzuversetzen. Gottschall II. 149 bemerkt: Die liederartige Ballade ist eine Seltenheit. Die Romanze und das erzählende Gedicht hat sie verdrängt. Es ist klar, dass in einer Zeit, wo die Nachahmung Schillers durch die Größe dieses Dichterheros von selbst gegeben ist, und wo Hegelsche Asthetik als Grundlage der Dichtung eine Idee ver- langte, die liederartige Ballade trotz des Vorgangs Goethes zurücktrat, aber heutzutage ist die liederartige Ballade keineswegs selten. Will man überhaupt einen Unterschied zwischen der Ballade und Romanze machen, so wäre es am besten, wenn man die Stimmungsballade, nicht aber die epische Ballade oder die dramatische mit dem Namen Romanze bezeich- nen würde, da diese sich am stärksten vom episch-lyrischen Gedichte entfernt; dies hat schon Götzinger vorgeschlagen, und die Oper hat den Namen in diesem Sinne festgehalten; historisch ist er freilich nicht zu rechtfertigen. Auch Schopenhauer fasst sie so; S. 282(Welt als W. u. V.) sagt er:In der Romanze drückt der Darsteller seinen eigenen Zu- stand noch durch Ton und Haltung des Ganzen aus, viel objectiver als das Lied, hat sie daher noch etwas Subjectives.

*) Vgl. Milan über C F. Meyers Gedichte.

Vgl. auch Frischbier H., Hundert ostpreußische Volkslieder in hochdeutscher Sprache. Darunter sind 32 Romanzen und Balladenartiges, auch 17 Lieder, deren Helden Jäger, Bauer, Soldat, Matrose, Handwerker sind.Manche von den letzteren sind sonst stets mit Recht den Balladen zugezühlt worden, sagt der Referent im literarischen Cen- tralblatt. 1893. S. 1619.

**) Stiefel in seinem BucheDie deutsche Lyrik bezeichnet diese Art mit dem NamenEmpfindungsballade. Walter Scott bezeichnet Gedichte dieser Art, in denen die lyrische Stimmung vorherrscht, alsromantische Balladen.