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rechnet, weil das Handlungsbild wenigstens im Ansatze vorhanden ist, so nahe es auch an die lyrische Grenze rückt. Es ist daher ebenso falsch, alle unter dem Namen Balladen stehenden Gedichte zu den lyrischen zu rechnen(Goerth, Lemmermeier, Minkwitz etc.), als sie zur epischen Gattung zu ziehen. Lyrisches(Stimmungs-) Element nimmt übrigens jedes Handlungsbild auf.
Ernst Ziel bemerkt feinsinnig:„Jeder poetische Stoff hat seine Voraussetzungen. In der Lyrik ist die Voraussetzung des Kunstwerkes nichts anderes als Stimmung des Dichters; diese muss im Anfange des Gedichtes anklingen. Klingt der stimmende Accord in der Seele des Höôrers oder Lesers nach, so ist es dem Dichter gelungen, die Voraussetzung seines Gedichtes d. h. die eigenthümliche Stimmung, aus der heraus er gedichtet hat, zu geben. Sind diese Voraussetzungen aber auch sachli- cher Natur, wie es in der Ballade oder Romanze der Fall ist, so gelten für deren Composition Gesetze, die aus denen der Lyrik und Epik com- biniert sind.“.
Die Stimmungsballade mit ihrer lyrischen Färbung ist es, welche bei manchen Asthetikern den Glauben hervorgebracht hat, die Ballade gehöre überhaupt zur lyrischen Gattung*). Wir rechnen, sagt Grohmann (Asthetik als Wissenschaft S. 187), Romanze und Ballade darum nicht zur epischen, sondern zur lyrischen Poesie, weil die epische Darstellung dort und hier nur Form, nichit das wesentliche Moment ist; denn die Form an sich kann über das Wesen eines Kunstwerkes nicht entscheiden, son- dern die Idee, der Stoff, das sich darstellende Moment des besonderen Ausdruckes. Ebenso haben wir bei Minkwitz diese Behauptung kennen gelernt und auch widerlegt.
Diese Anschauung aber beruht auf einem Irrthum. Die epische Darstellung braucht eben als Form eine Handlung, eine Begebenheit so wie das Drama; die lyrische Poesie als bloßes Stimmungsbild aber braucht sie nicht, sondern nur eine bleibende oder sich verändernde, sich verbreitende Situation; schon deshalb kann die Ballade und Ro- manze nie ausschließlich zur lyrischen Poesie gehören**), weil sie we-
*) Rinne(Innere Geschichte der deutschen Nationalliteratur II. 549) sucht nachzu- weisen, warum bei der neueren Lyrik das Lied und die Ballade allein herrschen. Er hält Ode und Elegie für Durchgangsformen für das eigentliche Lied.„In der Subjectiv-Ob- jectivität des Liedes liegt auch die Annäherung an den balladenartigen Ton. Ps ergibt sich ferner, wofern der Gegenstand nicht reine Empfindung, sondern eine empfindungs- voll aufgefasste Erzäühlung ist, die anderweitige Hauptgattung dieser Sphäre, die Bal- la de. Die Märe wie die Romanze laufen häufigst unter ihrem Namen durch, obwohl sich alle drei Untergattungen sehr wohl scheiden lassen.“ Aber dieser Nachweis ist total miss- lungen, weil Rinne das Hin- und Herschieben von Begriffen und deren Dialektik metho- disch Aürchtührt und immer zu dem Resultat, freilich willkürlich, gelangt, zu dem er kom- men will.
**) Otto Harnack„Uber Lyrik“(Preuss. Jahrbücher B. 69. H. 3. S. 392) sagt:„Es leuchtet ein, dass lyrische Gedichte in das Gebiet des Epischen hinüberschweifen, so dass es schließlich eine Sache des subjectiven Empfindens wird, ob man das einzelne als lyrisch oder episch beurtheilen will. Die Ballade ist die Vermittelung beider dichterischen Grund- tormen, und sie kann bald mehr der einen, bald der andern angehören.„Der König von Thule“ ist unzweifelhaft eine Ballade, aber von so lyrischer Art, dass Goethe sie unbe- denklich einem jungen Mädchen auf die Lippen legen kann, das durch sie ihre ahnungs- voll schwermüthige Stimmung ausspricht. Besonders jedoch, wo die Erzühlung in der ersten Person gegeben wird, dürfte das scheinbar epische Gedicht in Wahrheit meist den


